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Nr. 52: "Die Øresund-Region"
THORKILD KJÆRGAARD
GESCHICHTE UND VISION: DER SUND ALS BARRIERE UND BINDEGLIED


Schenkt man der Sagenwelt Glauben, so ist Seeland der Brust Schwedens entrissen. Die nordische Mythologie weiß über Seeland zu berichten, daß die Göttin Gefion vom schwedischen König Gylfe so viel Land versprochen bekam, wie sie an einem Tag und in einer Nacht umzupflügen vermochte. Darauf nahm Gefion ihre vier Söhne, die sie einem Hünen aus Jotunheimen geboren hatte, schuf sie in gewaltige Ochsen um und ließ diese den schwedischen Mutterboden durchpflügen und trug die Erde hinaus in das Meer zwischen Fünen und Schonen. So entstand Seeland. Zwischen Schonen und Seeland verblieb eine Meerenge: der Øresund. Der mittelschwedische Vänern-See, der in Kontur und Größe an Seeland erinnert, verbleibt als Loch, das Gefions Pflug hinterlassen hat.

Vom Bindeglied zum Wallgraben
Seit dem frühen Mittelalter hat der Øresund eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen den damals dänischen Regionen Schonen, Halland und Blekinge und dem übrigen Reich gespielt. In jeder Hinsicht war die Øresund-Region das am besten entwickelte Gebiet in Skandinavien. Zudem wurde Kopenhagen im 16. Jahrhundert - mit dem Ende der „reisenden Monarchie" - zum Regierungssitz.

Im Hochmittelalter wurde die Region zu einem Knotenpunkt des europäischen Fernhandels. Im Spätmittelalter begannen die dänischen Könige, einen Sonderzoll auf alle Schiffe, die den Sund passierten, zu erheben. Der Øresund-Zoll, der erst durch einen internationalen Vertrag im Jahre 1857 aufgehoben wurde, war bis dahin ein wesentlicher Faktor für die Einnahmen des dänischen Staates.

Die Rivalität zwischen Dänemark und Schweden ist im Lauf der Geschichte auf verschiedene Weise zum Ausdruck gekommen. Keine andere Region Skandinaviens ist dereinst auch nur annähernd so stark militarisiert gewesen wie die Øresund-Region, die über Jahrhunderte hinweg Schauplatz zahlreicher Schlachten zu Wasser und zu Lande war.

Der Wendepunkt kam mit dem Frieden von Roskilde im Jahre 1658. Nach dem militärischen Triumph der Schweden war der dänische König Frederik III gezwungen, Schonen, Halland und Blekinge an die aufstrebende schwedische Großmacht unter König Carl X Gustav abzutreten - ein traumatisches Ereignis für die Dänen. Kopenhagen, einst im Herzen des Reiches gelegen, war plötzlich in die Peripherie verbannt. Auch für Schonen, Halland und Blekinge, die sich als Kerngebiete Dänemarks verstanden hatten, waren die Folgen markant. Die Provinzen wurden in den kommenden Jahrzehnten einer „Schwedisierung" unterzogen, die mit Brutalität und Konsequenz durchgesetzt wurde.

War der Sund einst ein Bindeglied, diente er nun als veritabler Schutzgraben. Dänemark versuchte zweimal vergebens, die verlorenen Provinzen zurückzuerobern - zuletzt in den Jahren 1709-1710. Der Øresund stellte die unüberwindbare Grenze zwischen zwei verfeindeten Staaten dar.

Der Skandinavismus als Wendepunkt
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam Bewegung in die festgefahrene Situation. Die Gelehrten ergriffen das Wort, unter anderem der Lundenser Professor Anders Lidbeck, der sich vehement dafür einsetzte, die Kenntnisse der dänischen Literatur in Schweden zu verbessern. Zu den Schülern Lidbecks zählte der junge Dichter Esaias Tegnér, der zu einem Bewunderer des dänischen Romantikers Adam Oehlenschläger wurde.

Die 1829 durchgeführte "Dichterkrönung" in Lund wurde zu einem Symbol dieser neuen, kulturellen Verbindung über den Sund. In einer bewegenden Rede proklamierte Tegnér „die Zeit der Trennung" als überwunden. Dieses Wort und die Krönung Oehlenschlägers mit dem Lorbeerkranz schlugen in ganz Nordeuropa Wellen. In den kommenden Jahren begab sich der sogenannte Studenten-Skandinavismus - mit den geistigen Zentren in Kopenhagen und Lund - auf einen Siegeszug und spielte schon bald weit über die akademischen Kreise hinaus eine tragende Rolle.

Auch physisch wurde die Trennung überwunden: zum einen durch die Aufnahme eines regelmäßigen Dampfbootverkehrs im Jahre 1828, aber auch dank des harten Winters des Jahres 1838. Der Øresund fror zu und wurde zu einer „festen Verbindung". Bürger aus Helsingør und Helsingborg wanderten über das Eis und besuchten einander. Die Zeitungen berichteten ausführlich von diesen Besuchen, die bald den Charakter von Volksfesten annahmen. Es wurden Fackelzüge organisiert, Militärkapellen sorgten für Musik.

Der Kontakt über den Sund wurde fortan mit jährlichen dänisch-schwedischen Volksfesten institutionalisiert. Die Studenten veranstalteten ihre eigenen Treffen, die von einem überschäumenden politischen Idealismus geprägt waren. Beim Treffen von 1845 in Kopenhagen, auf dem der Lundenser Vertreter C.V.A. Strandberg seine berühmte Finnland-Elegie Vaticinium deklamierte, ertränkten die bewegten Zuhörer ihren Kummer über das verlorene nordische Bruderland mit nicht weniger als 600 Flaschen Champagner. Hierzu wurden 250 Reden gehalten.

Eine neue Kälte
In Dänemark hoffte man, daß sich der Skandinavismus in einer schwedischen Hilfe bei den Konflikten an der dänischen Südgrenze im Dreijährigen Krieg von 1848-50 auszahlen würde. In Schonen griff man diesen Wunsch mit offenen Armen auf. Im übrigen Schweden war das Interesse an einer Unterstützung der Dänen eher gering - es kam zu keiner politischen Entscheidung. Der Skandinavismus hatte seinen Praxis-Test nicht bestanden. Als Schweden ebenso tatenlos zusah, wie Dänemark 1864 besiegt wurde und über ein Drittel seines Territoriums verlor, schienen die skandinavistischen Gedanken endgültig zu Grabe getragen.

In Schonen gab man dennoch nicht auf: 1867 lud man zu einem skandinavischen Volkstreffen in Ringsjön. Mehr als 20.000 Menschen von beiden Seiten des Sundes kamen dieser Aufforderung nach.
Auch in akademischen Kreisen setzte man die Zusammenarbeit über den Sund fort, obgleich mit weitaus weniger Enthusiasmus als in früheren Jahren. Eine zentrale Figur war der schwedische Historiker Martin Weibull, der sein Lebenswerk der Geschichte Schonens widmete und versuchte, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl in der Øresund-Region zu wecken.

Im 20. Jahrhundert wurde dieser Gedanke von Weibulls Söhnen Lauritz und Curt - ebenfalls geachtete Historiker - und ihrem Kopenhagener Kollegen Erik Arup fortgeführt. Mit der Gründung der kulturhistorischen Zeitschrift Scandia im Jahre 1929 schufen sie eine intellektuelle Plattform in der Region.

Zwischen dem Norden und Europa
Der Fortschrittsoptimismus der fünfziger Jahre brachte neue Impulse, namentlich in der Vision einer „Ørestad". Geburtsstätte dieser Idee war Brønnums Café in Kopenhagen, wo ein schwedischer und ein dänischer Stadtplaner die Skizze einer riesigen Stadt rund um den Øresund auf einer Serviette anfertigten.

Seither wurde diese Vision vom schwedischen Professor Sune Lindström weitergeführt. Das Ergebnis war eine Studie, die am 30. November 1959 in der schwedischen Kvällsposten als „Örestad, die Riesenstadt am Sund" präsentiert wurde. In detaillierten Zeichnungen wurde dargestellt, wie die Region im Jahre 2000 aussehen werde: Die gesamte Region sollte eine zusammenhängende Stadtfläche sein. Die Eisenbahn war gänzlich verschwunden und durch ein riesiges, auf mehreren Etagen verlaufendes und mit Luftkissenfahrzeugen befahrenes Autobahnnetz ersetzt. Helsingborg und Helsingør waren durch einen Tunnel verbunden, während sich zwischen Kopenhagen und Malmö eine Brücke spannen sollte. Die Ørestad könne ein San Francisco des Nordens werden, hieß es in Kvällsposten.

In einer Zeit, in der die USA und die Sowjetunion ihren Wettlauf um die Eroberung des Weltraumes begonnen hatten, schien kein Projekt groß und visionär genug sein zu können. So mußte auch das Ørestad-Projekt zunächst mit einer Reihe weitaus großspurigerer Pläne konkurrieren. Der schwedische Industrielle Ruben Rausing schlug zum Beispiel vor, den Øresund durch Staudämme zwischen Helsingborg und Helsingør sowie zwischen Malmö und Kopenhagen trockenzulegen. Das schwedische Landskrona hätte somit eine Binnengemeinde werden sollen und die Inseln Hven und Saltholm Hügel inmitten des landwirtschaftlich genutzten ehemaligen Meeresbodens. Der Øresund sollte zum Øreland werden.

Eine andere Vision sah vor, riesige Plastikplanen über die Städte in der Øresund-Region zu spannen. Hierdurch sollte ein milderes Klima geschaffen und - wie vom Initiator unterstrichen wurde - ein wertvoller Beitrag für das weitere wirtschaftliche Wachstum in der Region geleistet werden.

Keine der beiden Visionen konnte sich durchsetzen - ganz im Gegensatz zum Ørestad-Plan, der in den sechziger Jahren lebhaft diskutiert und konkretisiert wurde.

Bereits 1962 lag ein erster konkreter Plan zur Øresund-Querung vor. Hierin wurde eine kombinierte Auto- und Eisenbahnbrücke zwischen Helsingborg und Helsingør vorgeschlagen. Diese Variante fand jedoch nicht die nötige Unterstützung, so daß 1967 ein zweiter Plan folgte, der eine entsprechende Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö und einen Großflughafen auf Saltholm vorsah.

1964 wurde der Øresundrat gegründet, eine Organisation, in der sich Kommunalpolitiker von beiden Seiten des Sundes berieten. 1969 veröffentlichte der Rat die visionäre Programmschrift Die Øresund-Region, in der prognostiziert wurde, daß man im Jahre 2000 bereits so weit mit der Integration fortgeschritten sein werde, daß die Unterscheidung zwischen dänisch und schwedisch keine Rolle mehr spiele.

Als Tüpfelchen auf dem i unterzeichneten die Regierungen der beiden Länder im Juni 1973 einen Vertrag, in dem der Bau einer Øresund-Brücke beschlossen wurde. Der Vertrag wurde jedoch nie ratifiziert, da das dänische Folketing seine Zustimmung verweigerte. Die Begründung lautete, daß man zunächst die Frage einer Querung über den Großen Belt klären solle. Dänemark war zu diesem Zeitpunkt ein frischgebackenes Mitglied der EG und man befürchtete, daß Jütland alle Früchte der Mitgliedschaft für sich ernten und Seeland an Bedeutung verlieren könne. Dänemark stand vor der Wahl zwischen dem europäischen Kontinent und Skandinavien - und wie 1949, als man zwischen der NATO und einer Nordischen Verteidigungsunion zu wählen hatte, fiel die Entscheidung zugunsten Kontinentaleuropas aus.

In den kommenden Jahren wurden die Pläne für eine Ørestad mehr oder weniger ad acta gelegt. Dies hatte nur zum Teil etwas mit dem EG-Beitritt zu tun. Ein anderer Grund war, daß der Fortschrittsoptimismus der fünfziger und sechziger Jahre einem massiven Pessimismus gewichen war. Die drastisch gestiegenen Mineralölpreise stellten einen Hemmschuh für Reisen und Transporte über den Sund dar. Die Integration des Arbeitsmarktes geriet in Stillstand. In den Zeitungsüberschriften wurde die Ørestad als „Wunschtraum der sechziger Jahre", als „toter Begriff" apostrophiert. Nach und nach verschwand die Ørestad aus den Zeitungen.

Sundbro 2000
Erst in den neunziger Jahren, nach dem Fall der Mauer, der Beendigung des Kalten Krieges und dem schwedischen Beitritt zur EG, wendete man sich wieder den alten Plänen zu.

Im April 1983, 24 Jahre nachdem Kvällsposten die „Riesenstadt am Sund" lanciert hatte, griff Sydsvenska Dagbladet die Idee wieder auf. Erneut wurden Vergleiche zu San Francisco gezogen, die Vision eines vollständig erschlossenen Stadtgebietes war die selbe wie die von 1959 und die Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö stellte wie schon zuvor ein zentrales Element in den Plänen dar. Nur die von Luftkissenfahrzeugen befahrenen Schnellstraßen waren verschwunden.

Der Traum von einer industrialisierten Megalopolis am Øresund wurde durch die Idee einer umweltbewußten Wissenschafts- und Kulturregion ersetzt, die zur Jahrtausendwende realisiert sein und der Øresund-Region eine Schlüsselposition im Nordeuropa des 21. Jahrhunderts verleihen soll.

Dr.phil. Thorkild Kjærgaard ist Direktor des Museums im Schloss Sønderborg. Bis Ende 1998 war er Projektleiter beim Fond Kulturbro 2000.


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