ANNESOFIE BECKER
KULTURELLE ZUSAMMENARBEIT: GRENZEN AUFBRECHEN HEISST NEUE BAUEN
Der Øresund, lange Zeit ein trennendes Gewässer, wird in Zukunft ein Gewässer sein, das
verbindet. Die Brücke ist deutlicher Beweis für einen politischen Gestaltungswillen von
ganz neuer Qualität. Eigentlich ein Sammelsurium von Küstenstreifen und Kulturland,
großen und kleinen Städten, ist das Gebiet durch die infrastrukturelle, technologische
und politische Entwicklung - und zum netten Preis von 25 Mrd. Mark - im Begriff, zu einer
Region zusammenzuwachsen. Doch wie wird diese neue, zwei Nationalstaaten verbindende
Region - trotz der Nachbarschaft und der besonderen historischen Verbindung zwischen
Dänemark und Schonen - mit ihren äußeren und inneren Grenzen umgehen? Wird die Sicht,
aus der man den Øresund als natürliche Grenze verstanden hatte, durch eine neue ersetzt
werden? Wird die Bevölkerung beiderseits des Sunds die Welt aus einer gemeinsamen
Øresunds-Perspektive betrachten und ihre alten, aus der nationalen Zugehörigkeit
abgeleiteten Sichtweisen aufgeben? Oder wird die Schaffung einer neuen Region vielmehr das
Ziehen neuer Grenzen bedingen, so daß Dänemark sich in eine Ost- und eine Westregion und
Schweden in eine entsprechen Nord- und Südregion auflösen werden?
Die Entstehung einer neuen Region handelt in der Tat davon, Grenzen - seien es
symbolische, geographische, wirtschaftliche oder politische - aufzubrechen, zu verschieben
und neue zu ziehen. Grenzen mögen vergänglich sein, doch immerzu werden neue entstehen.
Und zu einer Region, sei es eine neue oder eine alte, gehört stets auch eine Umwelt,
gegen die eine Abgrenzung vorgenommen wird. Wenn mit der Øresund-Region nicht auch neue
Grenzen gezogen werden, dann wird die Brücke nicht zwischen den beiden Ländern
geschlagen, sondern über sie hinweg. Dann werden es nicht Seeland und Schonen sein, die
durch die Brücke verbunden werden, sondern Stockholm, Hamburg und Berlin. Deshalb ist es
nötig, nach innen hin gemeinsame Visionen, Symbole und Identifikationsträger, die eine
regionale Identität aufbauen und stärken, zu entwickeln. Viel zu leicht übersieht man,
daß große Einheiten immer auch Raum für kleinere schaffen. So wie die Globalisierung
dem Heimatgefühl neuen Raum bietet, so werden auch Schonen und Seeland als Provinzen in
der gemeinsamen Region aufleben. Im Gegenzug wird es nicht länger klar sein, was Zentrum
ist und was Peripherie. Dies wird eine Frage sein, die ein jeder für sich selbst
beantworten muß.
Als mögliche Antwort auf diese Fragestellung wurde 1997 der Fond Kulturbro 2000
gegründet, eine schwedisch-dänische Initiative, deren primäre Aufgabe es ist, eine
Biennale für Kunst und Kultur in der neuen Region ins Leben zu rufen. Im Herbst werden
mehr als 100 Museen, Konzerthäuser, Tanz- und Theaterbühnen ihre Pforten für eine Reihe
von Ausstellungen, Aufführungen und Musikveranstaltungen auf hohem künstlerischen Niveau
öffnen. Der Fond hat sich entschieden, auf die bestehenden Kulturinstitutionen in der
Region zu bauen und mit ihrer Hilfe die Øresund-Region als Region mit einem eigenen, gut
entwickelten Kulturleben darzustellen. Indem die üblichen eventgeprägten Veranstaltungen
gemieden werden, demonstriert man eine gemeinsame kulturpolitische Verantwortung. Die
Kulturinstitutionen sind jede für sich verantwortlich für ein Stück des Kulturerbes.
Und die Verwaltung des Kulturerbes mit den hieraus resultierenden Brüchen ist es, die
eine der zentralen Fragen im Kontext der Regionenbildung darstellt. Kulturbro 2000 bietet
damit die einzigartige Möglichkeit, auf die kulturellen Unterschiede hinzuweisen und
zugleich die starken lokalen Bindungen zwischen Dörfern und Städten sichtbar zu machen.
Gerade die gegenseitige Bindung, die Gemeinsamkeit in der Verschiedenheit, ist es, die so
kennzeichnend für die Region rings um den Øresund ist. Somit gilt es, den Blick der
Umwelt auf die Region als besonderen, von Gegensätzen erfüllten und in vielerlei
Hinsicht sonderbaren Ort auf der Landkarte zu lenken: auf eine Region, die aus zwei
nationalen Zugehörigkeiten und ungleich mehr kulturellen Einflüssen zusammengsetzt ist.
Diese Gelegenheit darf nicht ungenutzt bleiben.
Annesofie Becker ist Sekretariatsleiterin beim Fond
Kulturbro 2000.
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