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Kennzeichen
DK
Nr. 52: "Die Øresund-Region" |
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TORSTEN STEIN
MIT KRITISCHEM BLICK: HUMANE PERIPHERIE?
Dänemark wird neu eingespeicht. Die erste, innerdänische Speiche in Form der Brücke
über den Großen Belt ist bereits seit 1998 fertig, die zweite über den Öresund in
Richtung Schweden wird in diesem Sommer folgen. Mit Speiche Nummer drei, der geplanten
Brücke über den Fehmarnbelt, sind die Voraussetzungen perfekt, um den Platz Dänemarks
und Kopenhagens im europäischen Räderwerk neu zu definieren.
Am 1. Juli ist es soweit: Mit der Einweihung der 2,4 Mrd. EUR teuren Tunnel- und
Brückenverbindung von Kopenhagen nach Malmö entstehen die Voraussetzungen für die erste
grenzüberschreitende europäische Großstadtregion. So wollen es die politischen
Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Sunds, die sich von der Vereinigung der
Potentiale der Großräume Kopenhagen und Malmö die Herausbildung eines transnationalen
Wirtschaftsraums versprechen. Damit verbunden ist die Hoffnung, Kopenhagen auf einen neuen
Platz in der europäischen Städtehierarchie zu heben.
Der Gedanke, Kopenhagen und Malmö zu einer Metropole verschmelzen zu lassen, ist genauso
alt wie die Pläne, eine Brücken- oder Tunnelverbindung über den Öresund zu bauen.
Stand die fusionierte Stadtregion damals unter dem Vorzeichen der nordischen Kooperation,
so ist heute das Europa der Regionen" Dreh- und Angelpunkt des modernen
Öresund-Projekts. Als Wachstumsachse" will sich der Großraum
Kopenhagen-Malmö-Lund dank der Brücke im Wettstreit gegen seine Konkurrenten Stockholm,
Hamburg und Berlin als Wirtschaftsstandort und als Tor nach Osteuropa durchsetzen. Der
Wettstreit wird unterdessen eher die Form einer Aufholjagd annehmen, denn gegen die
Dynamik, die Berlin aufgrund des Regierungsumzugs und Hamburg in Richtung der Öffnung
Osteuropas erreicht haben, ist schwer anzukommen. Und auch Stockholm ist im vergangenen
Jahrzehnt weit erfolgreicher als Kopenhagen dabei gewesen, sich als Technologiestandort
ersten Ranges und als Tor ins Baltikum zu positionieren. Aufgrund der langjährigen
Binnenorientierung der dänischen Regionalpolitik und der daraus resultierenden Haltung,
die Brücken über Öresund und Fehmarnbelt seien eher ein gemeinsames
schwedisch-deutsches Interesse denn ein dänisches, hat Kopenhagen wertvolle Jahre
verschlafen.
Während es zum Beispiel in Berlin gelungen ist, neue Urbanität (Potsdamer Platz)
weitgehend mit privaten Geldern zu erzeugen, sehen sich Kopenhagen und Malmö aufgrund
dieses Versäumnisses gezwungen, öffentlich finanzierte Infrastruktur-Investitionen in
vielfacher Höhe der Kosten für die Öresund-Brücke zu tätigen, um potentiellen
Investoren Appetit auf die dänisch-schwedische Wasserstadt zu machen. Genannt seien hier
nur die Mini-Metro vom Kopenhagener Zentrum über den neuen Gewerbestandort Ørestad zum
Flughafen Kastrup oder der City-Tunnel in Malmö, ohne den die Bahn aus Richtung
Öresund-Brücke den Hauptbahnhof nur nach einer kompletten Stadtumfahrung erreicht.
Das Rezept, mit dem die Öresund-Region die Verfolgungsjagd aufnehmen will, lautet
regionale Spezialisierung. Unter dem Marketing-Namen Medicon Valley soll die Region auf
der Basis vorhandener Industrien und öffentlicher Forschungseinrichtungen zu einem
Cluster von europäischem Rang in Medizintechnik, Pharmazie und Biotechnologie ausgebaut
werden. Im Internet (www.oresund.com) präsentiert
sich die Region derzeit - Marketing ist alles - voller Selbstbewußtsein als The
Human Capital of Europe". Zweifellos eine zutreffende Anspielung auf die
Lebensqualität, die demjenigen geboten wird, der sich in der Region ansiedeln will. Auch
der Headhunter eines Unternehmens, der sich vor der Standortentscheidung auf der Suche
nach Humankapital befindet, dürfte sich angesprochen fühlen. Daß dem außenstehenden
Leser das Gefühl vermittelt wird, an der humanen Peripherie" Europas ein
kümmerliches Dasein zu fristen, sei den Autoren der Website angesichts ihres Enthusiasmus
für ihre Region verziehen.
Torsten Stein ist Chefredakteur bei Baltic Consult.
Kürzlich erschien sein Buch "Die Öresund-Brücke: Ein innerstädtisches
Bauwerk?" beim Berlin-Verlag Arno Spitz.
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