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DK
Nr. 54: "Dänemark in Europa" |
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GITTE LARSEN
VISION EUROPA: WO BLEIBT DIE GESCHICHTE VON DER ZUKUNFT?
Nie zuvor hat ein Referendum so viele Bürger mobilisiert wie die vom 28. September. Doch
warum gab es niemanden, der den Dänen erklären konnte, worum es beim Euro wirklich geht?
Wo blieben die Visionen von einem zukünftigen Europa, und warum konnten uns die Politiker
diese nicht sichtbar vor Augen führen?
Es ist einleuchtend, daß die meisten Politiker, die täglich mit Fragen der EU
beschäftigt sind, den Euro als praktische und notwendige Maßnahme erkennen. Wunderlich
ist hingegen, warum zugleich so viele Bürger in den verschiedenen europäischen Ländern
nicht die Vorzüge des EU-Projektes sehen können.
Warum ist die Bevölkerung so unsicher, und warum zweifeln immer noch so viele am
gemeinsamen Europa? Die kurze Antwort lautet, daß es weder den Politikern noch der
Bevölkerung bislang gelungen ist, ein Gegenwarts-Bild von der Zukunft zu zeichnen - denn
darüber, daß Dänemark auch in Zukunft an der europäischen Zusammenarbeit teilnehmen
wird, sind sich auch in Dänemark alle einig.
Eine der entscheidenden Triebkräfte in der gesellschaftlichen Entwicklung ist die
Globalisierung, gegen die sich so viel Widerstand formiert wie gegen kaum eine andere
gesellschaftliche Tendenz. Globalisierung bedeutet zum einen, daß das Leben der Menschen
in Europa und in der Welt immer ähnlicher wird. In vielen Bereichen der Gesellschaft
gleichen wir uns einander an: Wir fahren die gleichen Automarken, essen die gleichen
Hamburger, tragen die gleiche Kleidung und sehen uns die gleichen Filme an. Zum anderen
bedeutet Globalisierung aber auch, daß wir die Unterschiede in der Welt auch auf lokalem
Niveau zu spüren bekommen. Mit der Migration und dem wachsenden Welthandel wird jede
größere Stadt in Europa über kurz oder lang das gleiche vielfältige Straßenbild mit
verschiedenen Menschen, Religionen, Läden und Restaurants haben.
Das typisch Dänische oder Deutsche wird man nicht mehr in unseren Sozialsystemen,
Volkswirtschaften oder Demokratien sehen. Die gibt es überall in der Welt. Das Typische
wird hingegen in unseren nationalen Geschichten, in unserem kulturellen Erbe und in
unseren neuen symbolischen Bildern zu finden sein. Das Bild Dänemarks als kleines,
skeptisches und mutiges" Land im Norden wird auch in der Zukunft bestehen. Das werden
auch die Europameisterschafts-Helden von 1992, die Dogma-Filme und die Olsen-Brothers.
Das, was die Nation auszeichnet, wird in der jeweiligen Kombination und Konstruktion der
eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen.
Die Zukunft ist anders als die Vergangenheit oder die Gegenwart - und die Zukunft wird in
erster Linie von Globalität und Vielfältigkeit geprägt sein. Und es wird eine Reihe an
neuen, gemeinsamen wir individuellen Herausforderungen, Möglichkeiten und Geschichten
geben, von denen es nachfolgenden Generationen zu berichten gilt. Eine der wichtigsten
dieser Geschichten wird die von der EU sein. Und bereits heute kann man fragen, warum die
EU so viel mit Landwirtschaft und so wenig mit Städten zu tun hat, obwohl es doch die
Städte sind, in denen die Menschen der Zukunft leben, wohnen und arbeiten werden.
Warum geht es bei der EU so wenig um Identität, kulturelle Unterschiede und selbst
gewählte Gemeinsamkeiten - allesamt wichtige Elemente für unsere Konstruktion einer
gemeinsamen Zukunft? Die Pointe ist, daß all dies bereits Elemente der europäischen
Politik sind - nur werden sie gegenüber der Bevölkerung nicht hinreichend vermittelt.
Sie bleiben für viele unsichtbar.
Hoffentlich nehmen sich die Politiker - und nicht nur die dänischen - den mangelnden
Dialog zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Bevölkerung und Politikern über die
Vision eines gemeinsamen Europas zu Herzen.
Es könnte interessant sein, zu diskutieren, ob eine starke und politisch integrierte EU
Vorteile für ganz Europa mit sich brächte, vielleicht sogar für die ganze Welt. Und
noch interessanter wäre, wenn in der dänischen Bevölkerung darüber nachgedacht würde,
wie Dänemark zu dieser Entwicklung beitragen kann.
Gitte Larsen ist Projektmanagerin am Kopenhagener
Institut für Zukunftsforschung
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