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Nr. 54: "Dänemark in Europa"
JON KVIST
SOZIALE SICHERUNG: EIN WOHLFAHRTSMODELL FÜR EUROPA


Kann das nordische Wohlfahrtsstaatsmodell in einem politisch immer stärker integrierten Europa bestehen? Kann es dem Druck der ökonomischen Globalisierung trotzen? Oder befinden sich die nordischen Wohlfahrtsstaaten infolge der fortschreitenden Europäisierung in einer fundamentalen Wandlung, wenn nicht gar in Auflösung? Die Angst um den Fortbestand des Wohlfahrtsstaats war eines der zentralen Themen in der Volksabstimmungs-Debatte. Die Nein-Seite argumentierte, daß der dänische Wohlfahrtsstaat durch die weitere Integration bedroht sei, während die Regierung die Bewahrung wichtiger Elemente des dänischen Modells - hierunter das Volkspensionssystem - garantierten.

Das Kopenhagener Sozialforschungsinstitut hat sich in den letzten Jahren mit der Frage des Wechselverhältnisses zwischen den sozialpolitischen Modellen und der europäischen Integration auseinandergesetzt und eine umfassende Studie angefertigt, die in Kürze vollständig vorliegen wird.
Allgemein unterscheidet man in Westeuropa zwischen drei unterschiedlichen Typen des Sozialstaats: das nordische, das kontinentaleuropäische und das angelsächsische Modell. Im nordischen Wohlfahrtsmodell sind die Sozialleistungen umfassend. Wenn man krank, alt, arbeitslos oder erwerbsunfähig wird oder Nachwuchs bekommt, greift das öffentliche System mit seinen Leistungen und Transfers. Im kontinentaleuropäischen wie im angelsächsischen Modell sind die Leistungen selektiv und häufig auch geringer. Hier liegt es häufig an der Familie und an gemeinnützigen Institutionen, soziale Arbeit zu leisten. Wer es sich finanziell erlauben kann, sichert sich zusätzlich über private Versicherungen ab.

Die verschiedenen Modelle haben einen großen Einfluß auf die Wohlstandsverteilung in den einzelnen Staaten. In den nordischen Ländern herrscht ein höherer Grad an ökonomischer Gleichheit zwischen Besser- und Schlechterverdienenden und zwischen Männern und Frauen. In diesem Rahmen ist auch zu erwähnen, daß der Beschäftigungsgrad von Frauen in Nordeuropa deutlich höher liegt als im übrigen Europa.

Eines der Hauptergebnisse der Untersuchung ist, daß es den nordischen Wohlfahrtssystemen gut geht - erstaunlich gut sogar, wenn man bedenkt, welch düstere Prophezeiungen es in den vergangenen Jahren darüber gegeben hat, wie teuer, schlecht und unhaltbar solche Systeme in einer Zeit der Globalisierung und der fortschreitenden europäischen Integration seien.

Dänemark hat sich dem Idealbild des nordischen Wohlfahrtsmodells sogar noch angenähert und hat in gewissen Bereichen die Spitzenposition Schwedens übernommen. In 27 Jahren der EU-Mitgliedschaft konnte das dänische System bewahrt und ausgebaut werden. Die Mitgliedschaft in der EU ist deshalb nicht mit der Mitgliedschaft in einem bestimmten Wohlfahrtsmodell gleichzusetzen.

Die Untersuchung zeigt ferner, daß Schweden und Finnland die Turbulenzen der neunziger Jahre überstanden haben - sie sind immer noch „vollblütige" nordische Wohlfahrtsstaaten. Natürlich sind zahlreiche Sparmaßnahmen notwendig gewesen, die an vielen Menschen nicht schmerzlos vorübergegangen sind. Es kann jedoch nicht von einer Abwicklung oder Veränderung der Wohlfahrtssysteme gesprochen werden.

Das nordische Modell lebt und es ist gesund. Wenn man hingegen beobachten kann, daß eine Angleichung zwischen den verschiedenen Wohlfahrtsmodellen vonstatten geht, so deutet das darauf hin, daß es die nicht-nordischen Länder sind, die sich zunehmend für den nordischen Weg, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme zu lösen, interessieren. Alle westlichen Industrienationen sehen sich einer Alterung der Bevölkerungsstruktur gegenüber, was die Notwendigkeit erhöht, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung im Erwerbsalter Beschäftigung anbieten zu können. Hier bieten die nordischen Länder mit ihrer aktiven Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Ansätze, die auch für das Ausland - wohlgemerkt den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im jeweiligen Land angepaßt - attraktiv sind.

Das nordische Wohlfahrtsmodell ist leistungsfähig und zeitgemäß. Nichts deutet auf eine Abwicklung oder Europäisierung der nordischen Wohlfahrtsstaaten hin - vielmehr schlägt die EU in verschiedenen Bereichen eine nordische Richtung ein.

Jon Kvist ist Seniorforscher am Kopenhagener Institut für Sozialforschung und dänischer Koordinator des Projektes "Nordic Welfare States in the European Context". Das Projektergebnis wird in zwei Bänden zusammengefaßt: "Nordic Social Policy" (Routledge, 1999) und "Nordic Welfare States in the European Context" (Routledge, 2001).


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