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Nr. 54: "Dänemark in Europa"
LARS HENRIK HANSEN
VERTEIDIGUNG: NEUE PLATTFORMEN ZUR ZUSAMMENARBEIT


Deutschland ist Dänemarks engster Nachbar und wichtigster militärischer Verbündete. In der Verteidigungsarbeit beider Länder kommt dies dadurch zum Ausdruck, daß in vielen Bereichen und auf verschiedensten Ebenen eine enge Zusammenarbeit besteht. Diese findet teils unter NATO-Regie statt, aber auch auf bilateraler und - ein Trend der jüngsten Zeit - auf multilateraler Basis. Heute kann nur noch selten von einer rein bilateralen Zusammenarbeit zwischen Dänemark und Deutschland geredet werden, sondern vielmehr von einer dänisch-deutschen Kooperation im Rahmen der NATO-Zusammenarbeit oder in regionalen Foren innerhalb der Ostsee-Region.

Joint Headquarters Northeast (JHQ NE)
In Zeiten der Ost-West-Konfrontation fiel dem ehemaligen dänisch-deutschen NATO-Hauptquartier BALTAP im dänischen Karup eine wichtige strategische Position zu: zum einen bei der Überwachung der drei natürlichen Wasserwege zwischen der Ostsee und den Weltmeeren und zum anderen durch seine Funktion als Ausguck über Gebiete und über Transitwege, die für den Warschauer Pakt von größter industrieller und militärische Bedeutung waren.

Nach der Auflösung des Warschauer Pakts sowie der Wiedervereinigung Deutschlands wurde eine strategische Neubewertung für das BALTAP nötig. Das ehemalige Hauptquartier ist am 1. März 2000 als ein „Joint Subregional Command" unter dem Namen Joint Headquarters Northeast (JHQ NE) neu entstanden. Es ist mit 320 Mann besetzt, hiervon rund 170 Dänen, 60 Deutsche und 90 Mann aus verschiedenen NATO-Staaten.

Die genauen Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden noch weiter entwickelt. Zusätzlich zum Beitrag zur Verteidigung der neuen nördlichen Region sind operationelle Einsatzplanung und Aktivitäten sowohl in der NATO-Gesamtverteidigung als auch bei den friedensunterstützenden Maßnahmen vorgesehen, ebenso wie die Unterstützung und Förderung von Stabilität. Bei allen Aktivitäten muß das JHQ NE darauf vorbereitet sein, andere NATO-Hauptquartiere zu unterstützen oder von ihnen unterstützt zu werden.

In der Ostsee-Region hat die NATO mit Polen einen neuen Mitgliedsstaat aufgenommen. Die Mitgliedschaft Polens wird nicht nur zu einer verstärkten Zusammenarbeit vor Ort mit den polnischen Streitkräften und Behörden mit sich bringen, sondern auch, daß polnisches Personal im Stab mitarbeitet. Auch weiter entfernte, alte wie neue NATO Mitgliedsstaaten wie Italien und die Tschechische Republik, haben dem JHQ NE-Stab bereits Personal zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich stellt die Integration von neuen Mitgliedsstaaten und deren Militärverbänden eine gewaltige Aufgabe für alle Betroffenen dar, und JHQ NE wird sicherlich aktiv daran beteiligt sein.

Hauptsächlich als Antwort auf die Forderung an die NATO, gemeinsam mit beteiligenden Nicht-NATO-Staaten in der Lage zu sein, friedensunterstützende Maßnahmen durchzuführen, ist derzeit ein Konzept für eine „Combined Joint Task Force" (CJTF) in der Entwicklung. Vorbereitungen, die zur Schaffung eines CJTF-Hauptquartiers beitragen, sind Teil des neuen Auftrags des JHQ NE. So ist jüngst beschlossen worden, daß das JHQ NE gemeinsam mit einem norwegischen NATO-Hauptquartier ab April 2001 für ein halbes Jahr lang Personal in das KFOR-Hauptquartier im Kosovo entsenden wird.

Seit 1994 haben die Anforderungen und die Aktivitäten im Rahmen des Konzepts Partnerschaft für den Frieden eine bemerkenswerte Dynamik entwickelt. Obwohl sämtliche Aktivitäten im Rahmen der Partnerschaft allen Staaten, ungeachtet ihrer geographischen Lage, offen stehen, zeigt die Erfahrung, daß sich Zusammenarbeit vornehmlich aus dem natürlich gewachsenen Nachbarschaftsgefühl heraus entwickelt.

Das JHQ NE ist aktiv und in steigendem Maße an der Ausweitung des Konzepts Partnerschaft für den Frieden beteiligt. Das JHQ NE liegt ideal zwischen sechs Partnernationen und kann somit eine konstruktive Rolle übernehmen, wobei die Ostsee-Region ein hervorragender Schauplatz für Zusammenarbeit und Aktivitäten aller Art ist.

Zweifellos wird das JHQ NE einen konstruktiven Beitrag zum Bündnis und seinen Staaten leisten. Das JHQ NE wird seinen Teil des Auftrags übernehmen und die NATO bei ihrem breit gefächerten Aufgabenspektrum im Ausland und zu Hause unterstützen. Die Ostsee-Region sichert dabei alliierte Präsenz in einem Gebiet von beträchtlichem Potential und erleichtert das NATO-Engagement und die Verpflichtung vor Ort.

Multinational Corps Northeast (MNC NE)
Beim Multinational Corps Northeast handelt es sich um ein neues, trilaterales Hauptquartier, das auf Grundlage eines gemeinsamen Beschlusses der Verteidigungsministerien in Dänemark, Deutschland und Polen am 1. Mai 1999 ins Leben gerufen worden ist. Das Hauptquartier befand sich zunächst in Rendsburg, wurde aber bereits am 18. September des selben Jahres in das polnische Stettin verlegt.

Der Aufbau des Corps ist Ausdruck einer Fortentwicklung der bisherigen multinationalen Militärzusammenarbeit innerhalb der NATO. Es handelt sich um eine Zusammenarbeit dreier nationaler Truppenverbände auf Basis des bisherigen bilateralen dänisch-deutschen Corps der Allied Land Forces Schleswig-Holstein and Jutland (LANDJUT) in Rendsburg.

Deutschland und Dänemark bewahrten ihren Beitrag zur Bemannung des neuen Hauptquartiers MNC NE vom alten LANDJUT-Corps. Hinzu kommt, daß Polen im Prinzip den selben Beitrag leistet, so daß die drei Nationen paritätisch an der Zusammenarbeit vertreten sind. Das Corps wird von einer Kommandogruppe geleitet, das sich aus drei Generälen aus den jeweiligen Nationen zusammensetzt, und ist mit ca. 150 Soldaten bemannt, kann in Krisenzeiten jedoch auf bis zu 350 Mann aufgestockt werden.

Die Aufgaben des Corps sind umfassender und anspruchsvoller geworden, als dies im früheren, dänisch-deutschen Corps der Fall gewesen ist. Zu den Aufgaben zählen die Verteidigung des NATO-Gebiets im Rahmen des NATO-Krisenmanagements und des gemeinsamen Verteidigungsplans, friedenssichernde Maßnahmen (auch unter der Regie anderer Institutionen als der NATO) und humanitäre Operationen.

Maritime Zusammenarbeit
In den Gewässern zwischen Deutschland und Dänemark herrscht ein reger Verkehr mit Handelsschiffen, Fähren, Fischereifahrzeugen und Yachten. Dies führt dazu, daß gelegentlich Unfälle passieren.

Um die Rettungseinsätze in Verbindungen mit Unfällen zur See effizienter zu gestalten, sind die das Operative Kommando der dänischen Marine und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit ihren jeweiligen Seerettungskoordinationszentren in Århus und Bremen eine Zusammenarbeit eingegangen.

Die Zusammenarbeit bedeutet, daß dänische und deutsche Such- und Rettungsfahrzeuge, die an Rettungseinsätzen teilnehmen, das Territorium des anderen Landes frei befahren oder überfliegen dürfen. Somit können die Rettungsdienste der beiden Länder bei größeren Havarien einander helfen, und wenn eine der beiden Zentralen überlastet ist, kann die andere Zentrale gebeten werden, die Rettungsoperation durchzuführen.

Pro Jahr werden rund 20 Seerettungsaktionen durchgeführt, bei denen grenzüberschreitende Unterstützung zwischen den beiden Seerettungsdiensten stattfindet.

Umweltüberwachung
Im Zuge des zunehmenden Umweltbewußtseins hat der Umweltschutz, hier namentlich der Gewässerschutz, eine immer wichtigere Rolle eingenommen. Ölaustritte auf dem Meer sind ebenso eine Bedrohung für ökologisch wichtige Gebiete und die Fischerei als auch für Erholung und Tourismus. Pressebilder von ölverschmierten Seevögeln erhöhen den Druck auf die Behörden. Es gilt, Einsatzmöglichkeiten zu sichern, die greifen, sobald eine Katastrophe geschieht, als auch hinreichend Überwachungen durchzuführen, um präventiv gegen Verschmutzungen vorzugehen.

Um der Bedrohung gegenüberzutreten, hat sich Dänemark im Rahmen internationaler Abkommen dazu verpflichtet, die Verklappung von Öl und anderen gefährlichen Stoffen zu bekämpfen. Dies hat unter anderem dazu geführt, daß Dänemark über die notwendige Ausstattung verfügt, um eigenständig gegen die Umweltverschmutzung vorzugehen. Dänemark hat zusätzlich eine Reihe bi- und multilateraler Abkommen und Konventionen unterzeichnet, die ermöglichen, daß Dänemark andere Länder um Unterstützung - insbesondere in akuten Situationen - bitten kann.

Die dänische Marine führt zu Wasser und in der Luft routinemäßige Überwachungen aller dänischen und angrenzenden Gewässer durch. Unter anderem sind die Fahrzeuge ständig in der Lage, Wasserproben zu entnehmen oder die Verfolgung von mutmaßlichen Umweltsündern aufzunehmen. Die Überwachung des Meeres geschieht auch in Zusammenarbeit mit der deutschen Luftwaffe, mit der eine Vereinbarung besteht, bei Flügen auch die Gewässer des jeweils anderen Landes mit zu überwachen.

Die deutsch-dänische Zusammenarbeit beim Gewässerschutz wird in einer Reihe von Kooperationsverträgen festgehalten. Die Länder sind in folgenden Fällen zur gegenseitigen Berichterstattung oder Alarmierung verpflichtet: Bei der Entdeckung von Verunreinigungen in den eigenen Gewässern, sofern eine Ausbreitung auf das benachbarte Territorium nicht auszuschließen ist, bei der Entdeckung von Verunreinigungen im benachbarten Gewässer sowie bei Verunreinigungen in eigenen Gewässern, die so umfangreich sind, daß sie von internationalem Interesse sind.

Eine Verschmutzung unser Gewässer kennt keine Grenzen und folgt allein den Wind- und Strömungsverhältnissen. Prävention und Bekämpfung sind somit nicht allein Aufgabe der einzelnen Nation, sondern eine Aufgabe, die den gemeinsamen Einsatz erfordert. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Dänemark scheint hierfür ein besonders gutes Beispiel zu sein.

Gemeinsame Manöver
In der Planung und Durchführung gemeinsamer Manöver ist die Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der dänischen Marine intensiv. Die Zusammenarbeit betrifft alle maritimen Aspekte in nationaler, internationaler und NATO-Regie und wird sowohl vom deutschen Flottenkommando in Glücksburg als auch vom Operativen Kommando der dänischen Marine in Århus durchgeführt. Primär findet die Zusammenarbeit bei operativen Übungsaktivitäten, bei der Unterstützung nationaler Übungen sowie bei gemeinsamer Teilnahme an zum Beispiel größeren computersimulierten NATO-Übungen statt.

Die operative Zusammenarbeit bei Manövern fand zuletzt im August/September 2000 in Verbindung mit einer Verknüpfung des deutschen SEF-Manövers (Ständiger Einsatzausbildungsverband Flotte - das größte deutsche Flottenmanöver in diesem Jahr) mit dem dänischen DANEX-Manöver statt. Das gemeinsame Manöver fand im Skagerrak und dem nördlichen Teil des Kattegats.

Neben der Manöverzusammenarbeit werden auch häufig nationale Übungen in den Gewässern des Nachbarlandes durchgeführt. Hierzu gehört auch die gegenseitige Bereitstellung von Übungsmaterial.
U-Boot-Operationen

Bei U-Boot-Operationen ist Deutschland Dänemarks absolut wichtigster Kooperationspartner. Dies gilt sowohl für taktisch-strategische Fragestellungen wie auch für Materialfragen.

Deutschland ist eine große U-Boot-Nation, die für europäische Verhältnisse eine sehr große Flotte betreibt. Ein beträchtlicher Teil der deutschen U-Boot-Aktivitäten finden in dänischen Gewässern statt. Innerhalb der NATO ist Dänemark mit der Kontrolle des U-Boot-Verkehrs in der Ostsee-Region (hierunter auch Skagerrak und Kattegat) beauftragt. Dies bedeutet, daß die deutsche Marine Dänemark um Taucherlaubnis in den dänischen Gewässern ersuchen muß. Dänemark versucht, den Wünschen in größtmöglichem Umfang nachzukommen, was natürlich eine enge Koordination verlangt, die in der Praxis auf Basis der täglichen Kontakte zwischen den beiden maritimen Hauptquartieren ausgeführt wird. Die Zusammenarbeit ist vorbildlich, und es herrscht kein Zweifel daran, daß beide Nationen ihren Nutzen hieraus ziehen, der das Maß rein formeller gegenseitiger Verpflichtungen bei weitem übersteigt.

Dänemark verfügt über fünf U-Boote. Zwei Boote gehören der Narwal-Klasse an, die der deutschen „205-Klasse" entsprechen und nach deutschen Entwürfen in einer dänischen Werft gebaut worden sind. Die drei übrigen Boote der Tümmler-Klasse („207-Klasse") sind hingegen in Deutschland gebaut worden. Diese Boote sind ursprünglich für die norwegische Marine gebaut worden, wurden aber zwischen 1989 und 1991 von Dänemark übernommen.

Ein großer Teil der Bootsausstattung stammt aus deutscher Produktion. Die Ausbildung an den Geräten verlangt daher einen engen Kontakt mit Deutschland. Gleiches gilt für Reparaturen, Ersatzteillieferungen und Neuentwicklungen. Dänemark nutzt in diesem Zusammenhang häufig das Ausbildungszentrum der deutschen U-Boot-Flotte in Eckernförde.

Dänische und deutsche U-Boote nehmen gelegentlich auch an NATO-Manövern teil. Gleichzeitig gehen beide Länder aber auch in einer besonderen Manöverzusammenarbeit mit Polen und Frankreich ein, die unter dem Namen Baltic Porpoise läuft. Die Manöverzusammenarbeit entstand auf deutscher Initiative hin mit dem primären Ziel, die polnische U-Boot-Flotte in die NATO-Zusammenarbeit zu integrieren. Das Manöver wird seit 1997 einmal pro Jahr abgehalten und steht unter wechselndem national Kommando.

Die deutsche Unterstützung wird von dänischer Seite durch logistische Hilfestellungen erwidert. Hier spielt der Flottenstützpunkt im norddänischen Frederikshavn eine tragende Rolle. Von hier aus können die oft langwierigen Testprogramme, die bisweilen im Skagerrak ausgeführt werden, versorgt werden.

Fregattenkapitän Lars Henrik Hansen ist Marineattaché und stellvertretender Verteidigungsattaché an der Kgl. Dänischen Botschaft in Berlin.


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