LARS FIIL-JENSEN
DÄNISCHE FILMPREMIEREN 2001: GRUND ZUM SELBSTBEWUSSTSEINDer dänische Film strotzt zur Zeit vor Selbstbewußtsein. Es
werden gute Filme produziert, die vom Publikum begeistert angenommen werden. Es gibt
zahlreiche Talente, erfolgreiche Regisseure, professionelle Produzenten und Kameraleute,
die es verstehen, Stimmungen zu erzeugen. Es gibt Drehbuchautoren mit guten Storys,
mitreißende Schauspieler und ständig neue Namen und Gesichter. Neben komödiantischen
Qualitäten gibt es ernste Untertöne, etwas Gruseliges für die Jugendlichen und Heiteres
wie Ernstes für die Kinder. Es gibt minimialistische Herausforderungen wie die des
Dogma-Formats, aber auch teure coproduzierte Filme.
1999 verzeichneten die dänischen Filme in den dänischen
Kinos eine Rekord-Besucherzahl. Die inländischen Produktionen verzeichneten ganze 28% der
verkauften Kinokarten für sich. Das Jahr 2000 konnte diesen Erfolg leider nicht
bestätigen. Im Herbst kamen jedoch eine Reihe herausragender Filmproduktionen in die
Kinos, so daß der Besucheranteil der dänischen Filme von 7% in den ersten vier Monaten
des Jahres noch auf knapp 20% für das gesamte Jahr angehoben werden konnte. Damit wurde
der langfristige Durchschnitt knapp übertroffen.
Eine Reihe von Preisen auf großen wie kleinen
internationalen Festivals hat dazu beigetragen, daß das Filmjahr 2000 als Erfolg gewertet
werden kann. Lars von Trier erhielt für Dancer in the Dark eine Palme
dOr" auf dem Filmfestival in Cannes. Im weiteren Verlauf des Jahres kam der
Preis der Europäischen Filmakademie für den besten Film hinzu. Die Person, die
vermutlich den größten Anteil am neuen Selbstbewußtsein des dänischen Films trägt,
bahnte mit einem stark gefühlsbetonten Kunstgriff neue Wege. Dancer in the Dark
und das nach wie vor vitale Dogma-Projekt rückten den dänischen Film in den Mittelpunkt
des internationalen Interesses.
Es sieht ganz danach aus, daß sich der Schwall an guten
Filmen auch im neuen Jahr fortsetzen wird und es weiterhin Ansätze für eine
Weiterentwicklung gibt. Verschiedene junge Regisseure, die sich bereits mit herausragenden
Kurz- oder Dokumentarfilmen einen Namen gemacht haben, werden ihre Spielfilmdebüts
feiern. Für die etablierten Regisseure gibt es neue Herausforderungen, unter anderem im
Rahmen des Dogma-Projekts oder bei großen cofinanzierten Produktionen, die außerhalb
Dänemarks aufgenommen werden. Und es gibt eine gut entwickelte Tradition für Kinder- und
Jugendfilme, die auch im Jahrgang 2001 mit Erfindungsreichtum und Phantasie aufwarten
werden.
Ein neuer Dogma-Jahrgang
2001 werden drei neue Dogma-Filme aus Dänemark in die
Kinos kommen.
Italiensk for begyndere/Italian for Beginners ist
eine prickelnde Liebeserzählung von Lone Scherfig, die im Rahmen des Hauptwettbewerbs auf
der Berlinale 2001 dem internationalen Filmpublikum vorgestellt wird. In Scherfigs Film
entdecken sechs Personen ihren Glauben an die Liebe wieder, als sie sich entscheiden, an
dem Exotischsten teilzunehmen, das eine kleine, graue Provinzkleinstadt zu bieten hat:
einen Italienisch-Kurs. Italian for Beginners ist Scherfigs dritter Spielfilm.
Schon in ihren früheren Filmen hat die Regisseurin bewiesen, daß sie es vermag, kleine
Alltagsgeschichten mit viel Magie und Humor zu präsentieren. Und im neuen Film zeigt
sich, daß es Scherfig gut getan hat, nach den Dogma-Regeln zu arbeiten. Die starke
schauspielerische Leistung, die durch die Arbeit nach den Dogma-Regeln besonders
hervorgehoben wird, strotzt vor Zärtlichkeit und Humor. Der Film, der im Dezember seine
Premiere in Dänemark feierte, wurde von der Presse einhellig gelobt und wurde bereits im
ersten Monat von 7% der dänischen Bevölkerung gesehen.

Italiensk for begyndere/Italianfor Beginners (Lone
Scherfig, Zentrope) läuft im Wettbewerb der Berlinale 2001. Foto: Lars Høgsted.
Die beiden anderen dänischen Dogma-Filme sind bereits abgedreht und befinden sich nun in
der Nachbearbeitung. Åke Sandgrens Et rigtigt menneske (Ein richtiger Mensch) ist
die Geschichte von einem jungen Mann, der in der Traumwelt eines kleinen Mädchens
geschaffen wird und nun allmählich lernen muß, in der wirklichen Welt zurechtzukommen.
Kontrastiv hierzu steht Ole Christian Madsens En kærlighedshistorie (Eine
Liebesgeschichte), ein Kammerspiel über ein Ehepaar, das in eine Krise gerät, als die
Frau beginnt, eine Manie zu entwickeln.
Die neuen Filme zeigen, daß dem Dogma-Projekt nach wie
vor Ideen zu entlocken sind. Der Dogma-Begriff hat zahlreiche zeitgenössische Filmemacher
inspiriert, weil er einen Bruch mit einer verkrusteten Stiltradition formalisiert hat. Er
wird aber kaum auf Dauer die Rolle eines festgeschriebenen Regelwerks bewahren können.
Søren Kragh-Jacobsen, der Regisseur des dritten Dogma-Films Mifunes sidste sang/Mifune
und Gewinner des Silbernen Bären 1999 hat pointiert, daß es in der Zukunft eine
größere Herausforderung für die Regisseure sein wird, einzelne der zehn Dogma-Regeln
auszulassen und durch andere zu ersetzen. In den Pressebeiträgen über die neuen Filme
war auffällig, wie ungern sich Regisseure und Schauspieler in Diskussionen über die
Dogma-Regeln einlassen wollten. Stattdessen standen die einzelnen Filmwerke im
Vordergrund.
Das neue Jahr bringt ferner Troværdighedens rige/The
Kingdom of Credibility des ausgezeichneten dänischen Dokumentaristen Jesper Jargil
mit sich, in dem das Dogma-Projekt von dessen Anfängen bis heute verfolgt wird.
Die internationalen Dänen
2000 war ein Jahr, in dem mehrere angesehene dänische
Regisseure an internationalen Filmplänen gearbeitet haben.
Thomas Vinterberg, der mit dem ersten Dogma-Film, Festen/Das
Fest, einen großen Erfolg gelandet hat, wird im April mit den Aufnahmen für eine
englischsprachige Science Fiction-Liebesgeschichte mit dem Titel Its All About
Love beginnen, die in
dänisch-französisch-schwedisch-japanisch-italienisch-deutsch-griechischer
Co-Finanzierung entstehen wird.
Nicolas Winding Refn, der mit seinem Debutfilm Pusher
internationale Aufmerksamkeit erlangt hat, arbeitet momentan an einem englischspsrachigen
dänisch-schwedisch-englisch-amerikanischen Thriller mit dem Titel Fear the X, der
in den USA und Südamerika gedreht wird. Die Manuskriptvorlage kommt vom Kultautoren
Hubert Selby Jr.
Ole Bornedal, der 1996 nach Hollywood gegangen ist, um
ein Remake seines vielgelobten und -geliebten Thrillers Nattevagten/Nightwatch zu
drehen, arbeitet momentan an den Aufnahmen für die große
norwegisch-dänisch-schwedisch-deutsch-französische Produktion Dina, die im
Norwegen des 19. Jahrhunderts spielt.

En sang for Martin/A Song for Martin (Bille
August, Moonlight Filmproduction und Svenska Filmkompagniet). Foto: Rolf Konow.
Der Oscar-Preisträger Bille August ist nach mehreren großen amerikanischen und
europäischen Produktionen nach Skandinavien zurückgekehrt und präsentiert En sang
for Martin/A Song for Martin, der auf der Berlinale dem internationalen Publikum
vorgestellt wird. Der Film, der in Schweden mit Unterstützung des schwedischen und des
dänischen Filminstituts produziert worden ist, ist ein eindringliches Familiendrama über
einen Ehemann und Familienvater, der vom Alzheimer-Syndrom betroffen ist. Stilistisch
lehnt sich der Film an Bille Augusts frühere skandinavische Produktionen an und bewegt
sich in dem Metier, in dem August am allerbesten ist: dem psychologischen Kammerspiel.
Susanne Bier, die 1999 mit Den eneste ene/The One and
Only für den größten dänischen Kinoerfolg seit vielen Jahren gesorgt hat, legt mit
Hånden på hjertet (Hand aufs Herz) eine Komödie vor, die von einem
Krankenpfleger handelt, der zum Grand Prix-Schlagerstar wird. Der in schwedisch-dänischer
Coproduktion entstandene Film hat nach der Premiere im November in Schweden für volle
Kinosäle gesorgt.
Auch Gabriel Axel, der 1998 mit Babettes
gæstebud/Babettes Fest einen Oscar gewonnen hat, legt dieser Tage einen in
internationaler Produktion entstandenen Film vor. Der lyrische Streifen Laila den
rene/Laila the Pure erzählt von der Liebe zwischen einem marokkanischen Mädchen vom
Lande und einem jungen Reisenden. Der Film ist in Marokko gedreht worden.
Kinderfilme
In Dänemark sind 25% der Filmförderung für Kinder- und
Jugendfilme bestimmt. Dadurch ist es möglich gewesen, eine starke Tradition zu
entwickeln, die sich weiterhin in der Entwicklung befindet. Unsere Kinderfilme haben über
Jahre hinweg im Spielfilmbereich ebenso wie bei Kurz- und Dokumentarfilmen Preise
gesammelt. Auf dem Chicago International Childrens Film Festival" im
vergangenen Jahr wurden die dänischen Beiträge mit nicht weniger als fünf
Auszeichnungen belohnt.

Prop & Berta (Per Fly, Zentropa). Foto:
Film Studio A-Boom.
Auch in diesem Jahr gibt es Anlaß zu hohen Erwartungen. Das Publikum wird mit einem ganz
ausgezeichneten Paket verschiedenster Kinderfilme Bekanntschaft schließen. Zwei dieser
Filme starten als Wettbewerbsteilnehmer am Kinderfilmfest in Berlin: Natasha Arthys
heiterer und farbenreicher Film Mirakel/Miracle über einen Jungen mit
Teenager-Problemen und Jannik Hastrups Zeichentrickfilm Cirkeline Ost og
kærlighed/Circleen Mice and Romance für die jüngsten Zuschauer (beide Filme
werden in diesem Heft gesondert besprochen).
Das Jahr 2001 bietet darüber hinaus Jugendthriller,
Puppenfilme, Weihnachtsfilme, turbulente Familienfilme, Seeräuberfilme, Mädchenfilme und
Filme über Kinder aus fremden Ländern kurz gesagt: eine breite Palette an
Kinoerlebnissen, auf die sich die Kinder freuen können.
Junge Talente
Eines der größten dänischen Filmerlebnisse des
vergangenen Herbstes war Bænken/The Bench vom Spielfilmdebutanten Per Fly, ein
Sozialdrama über einen Alkoholiker. Der Film zeichnet sich durch eine außerordentliche
schauspielerische Leistung und einem Stil aus, der sich an englischen Realisten wie Mike
Leigh messen lassen kann. Der Film wurde auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck mit drei
Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem NDR-Förderpreis.
Ein anderer Spielfimdebütant, Anders Thomas Jensen, der
1999 den Oscar in der Kategorie Kurzfilm gewonnen hat, bewegte sich mit dem
Publikumserfolg Blinkende Lygter/Flickering Lights in genau die entgegengesetzte
Richtung mit einer stilsicheren, Tarantino-artigen Erzählung über eine Gruppe
grenzpsychopathischer Verbrecher, die lieber ein Landstraßen-Restaurant betreiben würden
als Verbrechen zu begehen.

Grev Axel/Count Axel (Søren Fauli, Cosmo
Film). Foto: Erik Aavatsmark.
Der Film Grev Axel/Count Axel ist eine anachronistische Drama-Komödie des
Regisseurs Søren Fauli. Er debutiert mit diesem Spielfilm, nachdem er sich in einer Reihe
Novellenfilme einen besonderen Humor, der mit den hergebrachten Genrekonventionen spielt,
zugelegt hat.
Der erfahrene Dokumentarfilmregisseur und frühere Cutter
von Lars von Trier, Tómas Gislason, debütiert mit dem Spielfilm Like a Rock, der
in den USA spielt. Like a Rock ist ein Film, dessen äußeres Erscheinungsbild
maßgeblich durch die Bearbeitung am Schneidetisch geprägt worden ist. Aus mehreren
hundert Stunden an DVD-Aufnahmen modelliert Gislason eine der inspirierendsten
Bildcollagen des dänischen Films.
Riesige Erwartungen knüpft man an Monas verden
(Monas Welt) der zweite Film des Regisseurs Jonas Elmers nach dem gelungenen und von den
Kritikern gelobten Debut Lets get Lost von 1997, der mit einem authentischen,
improvisierten Stil den ersten Dogma-Filmen vorausgriff. In Monas verden wird
Elmers dieser Formsprache treu bleiben.
Der Staat hat die durch das Dänische Filminstitut
verwalteten Förderungsmittel schrittweise von 52 Mio. DM im Jahre 1998 auf knapp 92 Mio.
DM im Jahre 2001 erhöht. Von dieser Summe sind 34 Mio. DM für die Förderung von rund 20
Spielfilmen bestimmt. In Kombination mit einer geplanten Filmwirtschaftsförderung, einer
fortgesetzten Professionalisierung der Filmdistribution im Ausland, einer Reihe
visionärer Filmemacher und einer neuen Generation energischer Filmleute sollte dem
dänischen Film auf Jahre hinaus eine Rolle in der Filmwelt gesichert sein.
Lars Fiil-Jensen ist Pressereferent beim Dänischen
Filimstitut in Kopenhagen und hat verschiedene Sendungen bei Danmarks Radio (TV)
und Canal+ betreut.
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