LARS MOVIN
JUNGER FILM: DEM NACHWUCHS DEN BODEN BEREITENMit der Gründung der Dänischen Filmschule im Jahre 1966 und dem Aufbau einer
Filmwerkstatt im Jahre 1970 wurde die Filmkultur in Dänemark gestärkt. Es wurde der
Boden für neue Talente und neue Ausdrucksformen bereitet, und im Kielwasser der
dänischen Filmerfolge in den letzten Jahren beginnt man nun, von einem
Vækstlag" zu sprechen. Vækstlag", der dänische Begriff für das
Kambium, das nachwachsende Gewebe bei Pflanzen und Bäumen, steht zugleich für die junge
Generation, für den Nachwuchs der dänischen Filmszene.
Kaum hatte sich der Rausch nach dem internationalen
Erfolg der Dogma-Filme gelegt, stand fest, daß die jungen Kräfte gepflegt und neue
Talente gefördert werden mußten, wenn man die Erfolgswelle des dänischen Films in Gang
halten wollte. Das Ergebnis dieser Überlegungen war, daß in den letzten fünf bis zehn
Jahren so viel über den Nachwuchs und den Potentialen in der dänischen Filmwelt geredet
wurde wie nie zuvor. Mehr denn je wurden Initiativen ins Leben gerufen, die darauf
abzielten, den Unbekannten eine Chance zu geben und neue Talente aus dem Untergrund
hervorsprießen zu lassen. Und nie zuvor hatte man als junges Filmgenie so gute Karten wie
heute.

Instanotron 3000 (Thomas Pors, DFI Film
Workshop). Foto: Frame Grab.
Unabhängige Initiativen
Eines der Modewörter dieser Jahre heißt
Gewächshaus". Öffentliche Institutionen wie private Unternehmen haben
versucht, den jungen, ambitionierten Kräften, die bereit waren, für wenig oder manchmal
auch gar kein Geld den Schritt in die Welt des Films zu wagen, einen stabilen Rahmen zu
bereiten. Die staatlichen Mittelgeber die 1996 unter dem Dach des Dänischen
Filminstituts zusammengefaßt wurden bezeichnen in einem aktuellen Handlungsplan
den Nachwuchs als einen der besonderen Arbeitsschwerpunkte. Die Dänische Filmschule ist
natürlich ein wichtiges Element in der Förderung junger Kräfte, doch auch im Unterholz
der Filmszene findet man unzählige unabhängige Initiativen, die in erster Linie auf dem
Traum aufbauen, die nächste Welle" zu definieren.
Ein typisches Beispiel ist der jährliche
Talentwettbewerb Close-Up", der 1997 ins Leben gerufen worden ist.
Nicht-professionelle Filmemacher haben hier die Möglichkeit, Filme mit bis zu zehn
Minuten Länge zu jährlich wechselnden Themen einzureichen. Die Preise sind erklecklich,
die Medienpräsenz beträchtlich und das Interesse seitens der Teilnehmer erstaunlich
groß. Bei der letztjährigen Austragung von Close-Up konnten die Veranstalter mehr als
zweihundert eingereichte Beiträge vermelden. Und das technische und künstlerische Niveau
ist bei einem Großteil der Produktionen überraschend hoch. Wo kommen all diese Talente
her? Aus Workshops, Produktionsgesellschaften, Ausbildungsinstitutionen. Und manch einer
auch aus dem Nichts.

Kuppet/The Heist (Dennis Petersen und
Frederik Meldal, Close Up 2000). Foto: Anders Holck Petersen.
Ein weiteres Beispiel, Super16", startete 1999 als selbsternannte
Filmschule", in der sich acht Regisseure und acht Produzenten zusammengefunden
hatten, von denen die meisten vergebens versucht hatten, an der Dänischen Filmschule
angenommen zu werden. Anstatt aufzugeben, nahmen die jungen Menschen die Sache in die
eigenen Hände und organisierten einen dreijährigen Ausbildungsweg. Die Teilnehmer
müssen mindestens einmal pro Woche am Unterricht teilnehmen, richten im übrigen aber ihr
Hauptinteresse auf das Sammeln von praktischen Erfahrungen. Jeder Schüler macht zwei
Filme pro Jahr, also insgesamt sechs Produktionen im Laufe der Ausbildung. Die Resultate
werden halbjährlich der Öffentlichkeit präsentiert. Die Teilnehmer des ersten Jahrgangs
hatten dabei bereits das Vergnügen, öffentliches Lob für ihre Arbeit entgegenzunehmen.

Timbuktoo (Tav Ulv Lenskjold, DFI Film
Workshop). Foto: Frame Grab.
Desweiteren gibt es YUFFIES (Young Urban Film Freaks), ein Verein bestehend aus
rund 100 Filminteressierten, der 1997 gegründet worden ist. YUFFIES ist weniger straff
organisiert als die vorangegangenen Beispiele und stellt sich in erster Linie als
Interessengemeinschaft dar. Zentrum des Netzwerks ist die Vereinszeitschrift Illusion.
Ferner werden regelmäßige Filmabende, Workshops und Kurse organisiert.
Institutionen und Workshops
Am eher professionellen Ende der Skala kann die 1994
gegründete Vereinigung Dansk Novellefilm (Dänischer Novellenfilm) genannt werden.
Mit Mitteln des Dänischen Filminstituts, des Kulturministeriums und den beiden nationalen
Fernsehsendern DR und TV2 werden jährlich zwischen zehn und fünfzehn kurze
Fiktionsfilme finanziert. Ein Teil der Filme wird von etablierten Regisseuren gedreht, die
hierbei die Möglichkeit erhalten, neue Erzähl- und Produktionsmethoden auszuprobieren.
Der weitaus größte Teil der Projekte geht jedoch an junge Kräfte, die bislang noch
keinen Spielfilm produziert haben. In einem einzelnen Beispiel Jonas Elmers
erfolgreicher Film Lets Get Lost (1997) ist eine Produktion von Dansk
Novellefilm zu einem kompletten Spielfilm herangewachsen.
Unter den Workshops des Dänischen Filminstituts gilt
insbesondere die Filmværkstedet (Filmwerkstatt) in Kopenhagen die sich seit
1996 gemeinsam mit den übrigen Abteilungen des Filminstituts im Filmhuset befindet
seit vielen Jahren als Treffpunkt für einen großen Teil der jungen Talente,
Experimentatoren und schrägen Typen des dänischen Filmuntergrunds. Die Werkstatt hat im
Laufe der Jahre Namen wie Thomas Vinterberg, Jørgen Leth, Jon Bang Carlsen und Christian
Braad Thomsen hervorgebracht. Der wichtigste Aspekt ist aber, daß die rund tausend Filme
und Videos aus den letzten dreißig Jahren in einer Mischung aus harter Arbeit, Engagement
und Herzblut entstanden sind.

Eigil Knuth Billedhugger, forfatter og
polarforsker/Eigil Knuth Arctic Explorer (Claus Heinberg, DFI Film Workshop).
Foto: DFI Fotoarchiv.
Die Filmwerkstatt bietet Zugang zu technischem Equipment auf professionellem Niveau:
Super16-Aufnamegeräte, Schneidetische, digitale Betacam-Bearbeitung, Avid und diverse
Computer für Animationen. Professionelle wie nicht-professionelle Filmemacher können
sich um die Nutzung des Equipments bewerben. Die eingereichten Projekte werden
anschließend von einem Panel früherer Nutzer bewertet. Finanzielle Unterstützung
seitens der Werkstatt kann nur in sehr geringem Umfang bewilligt werden.
Ein wesentlicher Teil der Tätigkeit der Filmwerkstatt
ist darauf ausgerichtet, ein Forum für Projekte zu schaffen, die sich formellen oder
produktionsmäßigen Experimenten widmen. Diese Absicht gilt nach wie vor, obwohl in den
vergangenen Jahren eine spürbare Professionalisierung der Produktionen stattgefunden hat.
Eine weitere Entwicklung liegt darin, daß verstärkt neue Technologien wie
Computeranimationen und interaktive Erzählformen erprobt werden, während man sich
früher vornehmlich im Rahmen der bekannten Genres wie Dokumentar-, Novellenfilme oder
Videokunst bewegt hatte.

Tro, håb og Batman/Faith, Hope and Batman (Linda
Krogsøe Holmberg, Super16). Foto: Jan Pallesen.
Bis heute hat die Filmwerkstatt durchschnittlich dreißig bis vierzig Filme und Videos pro
Jahr produziert. In normale Spielzeiten umgerechnet entspricht das knapp zehn Spielfilmen
und das bei einem Budget, das bei üblicher Produktionsweise gerade einmal zu einem
Spielfilm reichen würde.
Neue Strukturen
Momentan wird eine Umstrukturierung der Filmwerkstatt
diskutiert. Es gilt insbesondere, das digitale Equipment zielgerichteter einzusetzen. Das
Dänische Filminstitut hat signalisiert, daß man den Nachwuchs noch intensiver fördern
wolle, doch daß dies in einer dezentralen Struktur geschehen solle. Die bislang freie
Nutzung wird zumindest vorübergehend zugunsten eines zielgerichteten
Experimentariums für digitale Technologie eingeschränkt. Gleichzeitig wird ein Teil der
Institutsmittel für unabhängige Initiativen wie Close-Up, Super16 und YUFFIES zur
Verfügung gestellt.

Le Grand Final (Morten Hartz Kaplers, DFI
Film Workshop)
Es brodelt vor Talenten im jungen dänischen Film, und es tauchen regelmäßig neue
Filmemacher auf, deren künftigen Werken man bereits mit Spannung entgegensieht. In
Dänemark werden Möglichkeiten entwickelt, um stetig experimentieren und neue Kräfte zum
Zuge lassen zu können. Für die Zukunft des dänischen Films sieht es deswegen sehr
vielversprechend aus.
Lars Movin ist als Autor, Regisseur und Kurator tätig. In Kürze erscheint sein Buch
"Videologier vol. 1: 33 tekster om amerikansk video". Letzter Film: "Price
of Gas" (2000).
zurück zu Kennzeichen DK Nr. 55
zurück zu Adressen & Publikationen
zurück zu Aktuelles
|