MARION MÜLLER
LARS VON TRIER: DAS SCHÖNE IM HÄSSLICHENLängst
ist der 1956 geborene Lars von Trier vom cineastischen Geheimtip zum populären
Kultregisseur avanciert, der nun auch auf breiter Basis als einer der interessantesten
europäischen Filmemacher gilt. Kannte bis vor ein paar Jahren nur ein kleiner Kreis
Eingeweihter seine frühen, teilweise experimentellen Werke wie die zwischen Science
Fiction und Film noir angelegte Detektivgeschichte The Element of Crime (1984) oder
den selbstreflexiven Film-im-Film Epidemic (1987), so ist er spätestens seit dem
Handkamera-Liebesdrama Breaking the Waves (1996), der Krankenhaus-Satiresoap Riget/Geister
(1994, 1997) und dem kontroversen Dogma-Film Idioterne/Idioten (1998) das
Aushängeschild des neuen dänischen Films. Dazu hat nicht zuletzt das von ihm und anderen
dänischen Regisseuren verfaßte Dogma 95-Regelwerk beigetragen, das in vielen Ländern
seine Jünger gefunden hat. Triers Manifeste, Genre-Erweiterungen und Regelbrüche tragen
oft zur Erneuerung des Filmmediums bei, und alle seine Werke kommentieren dieses in
verschiedensten Varianten, sei es durch ein Seh- bzw. Augenmotiv oder subtil in die
Filmstruktur integriert. So regt bereits in der Eröffnungssequenz von Dancer in the
Dark (2000, ein Film mit Blindheit als zentraler Metapher) die schwarze
Leinwand während der musikalischen "Ouvertüre" zum Nachdenken über das Medium
an und stellt die Verbindung zum anderen Medium Theater/Oper her. Gleichzeitig handelt es
sich bei dem Film nicht wirklich um ein Musical (die erste Musiknummer setzt sehr spät
ein, es gibt kein Happy End usw.), sondern vielmehr um einen Film über das Genre
"Musical".

Dancer in the Dark (Lars von Trier, Zentropa).
Foto: Robby Müller.
Trier hat wie kein anderer Regisseur in letzter Zeit die Handkamera und den
"ungefälligen Stil", der sich sämtlichen traditionellen Regeln widersetzt,
konsequent salonfähig gemacht und damit fast ein neues Paradigma der Anarchie geschaffen,
das immer mehr Nachahmer findet und eine Gegenströmung zum herkömmlichen Hollywood-Film
etabliert.
Triers Filme wurden bisher oft einseitig rezipiert. So
haben ihm seine frühen Werke den Ruf des Formalisten eingebracht: Sie vernachlässigten
angeblich Handlung und Inhalt zugunsten einer ausgeklügelten Form, die die technischen
Möglichkeiten des Mediums voll ausschöpft. Späteren Filmen wie Idioten
bescheinigte man dagegen, die Form spiele überhaupt keine Rolle mehr, nur noch der Inhalt
zähle. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, daß die Form sehr wohl eine eigene
Dynamik entwickelt, zum Beispiel durch das Zusammenspiel von inhaltlichen wie formalen
Parallelen und Kontrasten (hell-dunkel, Farbe-s/w, statische Kamera-Handkamera usw.). Auf
diese Weise erzählen Triers Filme genauso viel durch Bilder und Struktur wie andere durch
Handlung und Plot. Jedes noch so kleine Detail unterstützt die Grundaussage, die Form
verschmilzt immer in höchstem Grad mit dem Inhalt. Dies gilt auch umgekehrt für die
scheinbar formverneinenden Filme. Hier unterstützen Formelemente die Handlung, etwa in
der Restaurantszene am Anfang von Idioten: Zwischen Karen und dem Kellner tut sich
eine tiefe Zimmerflucht auf, welche ihren gesellschaftlichen Abstand und gleichzeitig
Karens psychischen Abgrund nach dem Tode ihres Kindes versinnbildlicht. Die Überlegenheit
des Kellners wird deutlich, indem er in Brusthöhe gefilmt wird, während Karen wie ein
Kind gerade so ins Bild hineinragt. Gleichzeitig betont die verkantete Kamera Karens
Aus-dem-Rahmen-Fallen; ihre Isolation und Einsamkeit werden eindringlich inszeniert.
Was die einseitige Rezeption der Thematik angeht, seien
die frühen Filme bestimmt von Untergangsvisionen, das heißt ihre oft monochromen,
düsteren und vom Verfall geprägten Bilder beschwören angeblich eine Endzeitstimmung
herauf, in der "das Böse" herrsche und es keine Hoffnung gebe. Auf ähnlich
unausgewogene Weise wurde Breaking the Waves zunächst ausschließlich als ein Film
über "das Gute" gesehen, bis kritische Stimmen an der Konzeption der
Frauenfigur Bess, die sich männlichen Prinzipen opfert, zweideutigere Züge entdeckten.
In den scheinbar pessimistischen Filmen kann man umgekehrt zahlreiche hoffnungsgeladene
Elemente ausmachen, etwa die schlafenden Menschen in The Element of Crime, die sich
auf ein Erwachen in einer besseren Welt vorzubereiten scheinen, oder auf formaler Ebene
die ständige harmonische Verschmelzung von visuellen Gegensätzen bzw. von Genres an
sich. Auch Dancer in the Dark arbeitet nach diesem Schema: Die Musicalszenen mit
"fester" Kamera in der Form der frühen Broadway-Musicals mit ihrer heilen
Technicolor-Welt kontrastieren zunächst mit einem blassen, desillusionierten Reich der
Handkamera, das sich inhaltlich an jüngere, tragische Musicals wie West Side Story
oder Hair anlehnt. Der Film kommentiert damit den Unschuldsverlust und die
Zuwendung zur Realitätstragik im amerikanischen Musical. Am Schluß, als Selma ohne Musik
im Gefängnis singt, bleiben auch die Farben blaß: Die beiden Welten gehen ineinander
über und verschmelzen.
Trier entgrenzt und vereint, er sucht das Schöne im
Häßlichen und das Häßliche im Schönen und leugnet dadurch traditionelle
Wertekategorien. Hier liegt meines Erachtens ein Grundzug der Trierschen Filmwelten. Statt
ihrer vermeintlichen Eindeutigkeit erschließt sich bei näherem Hinsehen eine
Vieldeutigkeit, die zur Methode wird: Trier stellt bewußt alle möglichen Haltungen
nebeneinander und zeigt dadurch die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, entzieht sich aber
einer klaren Stellungnahme.
Dies erschwert die Stellungnahme zu Trier selbst: Man
kann ihn als gewieften Scharlatan sehen, der die Zuschauenden manipuliert, indem er sie
mittels technischer Kniffe (etwa der involvierenden Handkamera in Breaking the Waves,
deren Sog man sich kaum zu entziehen vermag) in eine bestimmte Richtung lenkt, sich selbst
aber gleichzeitig nie festlegt. Andererseits kann man ihn in eine weit zurückreichende
Tradition reihen, die eine ganzheitliche Weltanschauung vermittelt, welche Negatives und
Positives jeweils als gleichberechtigten Teil des anderen sieht und damit eine tolerante,
ausgewogene, alles einschließende Sicht propagiert. Dieser integrative Humanismus läßt
sich z.B. an der Art ablesen, wie Trier in seinen Filmen Menschen mit Down-Syndrom
einsetzt: Werden sie in anderen Zusammenhängen meist nur als zurückgeblieben gesehen,
stellt er sie durchweg positiv als weise, sympathische, lebensfrohe Menschen und demnach
als Vorbilder für die vermeintlich 'Normalen' dar (vgl. Geister, Idioten).
Wo Trier sich wirklich in diesem Spektrum befindet,
läßt sich nicht klar ausmachen, was seine Umstrittenheit und die kontroverse Auslegung
seiner Filme belegen. Ambivalenz, Widersprüchlichkeit und Nichtfestlegbarkeit stehen im
Mittelpunkt eines Werkes, das gleich Vexierbildern zwischen verschiedenen Polen oszilliert
und allein gültige Wahrheiten hinterfragt oder verweigert, sich damit aber auch der
enthaltenden, schwankenden Gesinnung verdächtig macht. Ob er ein zynischer Humanist,
ironischer Moralist oder einfach nur ein cleverer Manipulator ist, bleibt dem Einzelnen
überlassen.
Dr. Marion Müller promovierte 1999 mit der
Studie Vexierbilder. Die Filmwelten des Lars von Trier an der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz.
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