EMMA TUTTY
DOKUMENTARFILME: DER ZUSTAND DER NATIONAls
kleine Filmnation steht Dänemark vor der Herausforderung, sich gegen die großen
Filmnationen zu behaupten. Dies gilt auch für die weniger publikumsträchtigen Genres wie
den Dokumentarfilm: Dänemark versteht schon seit langem, wie wichtig es ist, eigene
Dokumentartalente heranzuziehen.
Dokumentar-Förderung
Im Budget des Dänischen Filminstituts sind jährlich
rund 10 Mio. DM für Dokumentar- und Kurzfilme bestimmt.
Das dänische Kulturministerium hatte erstmals im Jahre
1964 eine direkte Unterstützung der Filmproduktion ermöglicht. Wesentliche Umbrüche des
einst bürokratischen Systems wurden jedoch erst mit der Gründung des Dänischen
Filminstituts im Jahre 1997 vollzogen. Die Wirtschaftlichkeit wurde in den Mittelpunkt
gerückt, Verwaltungsaufgaben verteilt und bürokratische Reibungsverluste zwischen den
Institutionen vermindert. Damit schritt die dänische Filmkultur in eine Ära der
Zentralisierung und gegenseitigen Befruchtung zwischen den verschiedenen Institutionen und
Disziplinen.
Im neuen System werden Dokumentar- und Kurzfilme in der
Entwicklungs- und Produktionsabteilung in ein- und derselben Kategorie erfaßt. Die
verfügbaren Mittel pro Film werden sich im Jahre 2001 vermutlich auf 6.000 bis 8.000 DM
im Drehbuchstadium (rund 100 Titel pro Jahr), 40.000 DM in der Entwicklungsphase (rund 60
Titel pro Jahr) und zwischen 80.000 und 400.000 DM in der Produktion (rund 55 Titel pro
Jahr) belaufen. Im Gegenzug erwirbt das DFI alle nicht-kommerziellen Rechte an den
geförderten Filmen. Für die Branche klingt das wie Musik in den Ohren: Zugang zu
Förderungsmitteln, wobei die kommerziellen Vermarktungsrechte unberührt bleiben.
Die Debatte über die öffentliche Filmförderung
konzentriert sich häufig auf die Tatsache, daß die Vergabe von öffentlichen Geldern
für die Entwicklung und Produktion wenig zweckmäßig ist, wenn sich letztlich keine
Möglichkeit bietet, das Produkt der Öffentlichkeit vorzustellen. Zugegebenermaßen haben
die Dänen diese Lücke noch nicht in dem Maß geschlossen, wie es den aufgeklärten
norwegischen Nachbarn gelungen ist, die ein Programm für staatlich geförderte Kinos
aufgelegt haben. Dennoch betreibt die Vertriebs- und Marketingabteilung des DFI ein
extensives Film- und Video-Distributionsnetzwerk zu Schulen, Universitäten und
Bibliotheken. Und das DFI hat sein eigenes Filmhaus: Die Cinematek in Kopenhagen.
Der junge Dokumentarfilm
Sami Saïf ist das, was man gemeinhin einen jungen
Filmemacher nennen kann. Nach seinem Abschluß an der Dänischen Filmschule im Jahre 1997
präsentierte er sein verwirrendes Erstlingswerk The Video Diary of Ricardo Lopez,
in dem er Filmmaterial zusammenfügte, das Lopez in den Monaten vor seinem Selbstmord
aufgenommen hat. Saïf mag noch nicht über die künstlerische Gesetztheit von dänischen
Dokumentargrößen wie Jørgen Leth oder Jon Bang Carlsen verfügen, doch immerhin hat er
sich bereits einen Namen gemacht und Förderungsmittel für seinen zweiten Film Min
fremmede far/Happy Family erhalten. Hierbei handelt es sich um intimen, auf Mini-DV
gebannten Film, der für Saïf als Suche nach seinem Vater begann und mit der Entdeckung
eines Bruders endete.

The Video Diary of Ricardo Lopez (Sami
Saif, Newcom Entertainment). Foto: Ricardo Lopez.
Dänische Doku-Erfolge 1999/2000
1999 hat der Dokumentarfilm in zwei Fällen seinen Weg in
die Kinos gebahnt: Jesper Jargils De Ydmygede/The Humiliated, in der Lars von
Triers stürmische Kreativität am Set von Idioterne/Idioten nachgezeichnet wird,
und Jon Bang Carlsens Addicted to Solitude, in dem die persönlichen Geschichten
zweier weißer Frauen, die im Südafrika der post-Apartheid-Ära einen tiefen Fall erlebt
haben, beschrieben werden. Das Jahr 2000 brachte drei weitere Kinostarts. Jargil kehrte in
seinem Dokumentarfilm De Udstillede/The Exhibited mit einer Aufnahme der 1996
veranstalteten Ausstellung Psychomobile The World Clock zu von Triers Welt
der Beziehungen zwischen Regisseur und Schauspieler zurück. Jargils Film feierte auf dem
NatFilm"-Festival Premiere und war anschließend für kurze Zeit in Kinos in
Kopenhagen und Århus zu sehen. Tómas Gislasons Film Den højeste straf/Maximum
Penalty startete in Kopenhagen und tourte schließlich durch das Land, dem Beispiel
einer One evening-Road Show Presentation folgend. In einer visuell überwältigenden
Collage aus Graphiken, Ausschnitte aus alten sowjetischen Kinofilmen und eingefärbten
Standbildern erzählt der Film von den systematischen Inhaftierungen in der Sowjetunion
der Stalin-Zeit. Hierbei tritt Ole Sohn, früherer Vorsitzender der dänischen
Kommunistischen Partei, in die Rolle eines Detektivs, der dem Schicksal zweier dänischer
Gefangener nachforscht. Anne Wivels Portrait des dänischen Künstlers Per Kirkeby, Slottet
i Italien/Castle in Italy, komplettiert das Trio des Doku-Jahrgangs 2000.

Den højeste straf/Maximum Penalty (Tómas
Gislason, Peter Bech Film). Foto: Lars Johansson.
Karolina Lidin, DFI-Vertriebsmanagerin für Dokumentarfilme, ist darum bemüht, die
Strategie des DFI für die Distribution von Dokumentarfilmen auszubauen. Die
ambitionierteren Dokumentarfilme verlangen nach einer breiteren finanziellen
Unterfütterung", erklärt Lidin. Maximum Penalty und Castle in Italy
haben zum Beispiel wesentlich mehr Promotion-Gelder erhalten. Wir haben Trailer
produziert, Printwerbungen geschaltet und uns darum bemüht, Ankündigungen und
Besprechungen möglichst weit zu streuen."
Eine breite Palette
Natürlich wird Dänemark nicht ausschließlich von
poetischen, anspruchsvollen Dokumentarfilmemachern bevölkert. Wie in jedem anderen
europäischen Land sammeln sich auch in Dänemark die unterschiedlichsten Filmgattungen
Doku-Soaps, Portraits, Berichterstattungen, Avantgarde und der anspruchsvolle Film
unter dem Hut der Dokumentarfilme. In der Tat ist es aber so, daß der
ambitioniertere, kreative Dokumentarfilm ohne die Unterstützung des DFI und anderer
Institutionen keine Chance hätte.
Und es zeigt sich, daß der anspruchsvolle Dokumentarfilm
hinreichend gefragt ist: Es ist zu erkennen, daß die Dänen nicht den didaktischen oder
präskriptiven Filmtyp vorziehen. Selbst im Fernsehen glänzt der angelsächsische Trend
zum Wall-to-Wall Voice Over durch weitgehende Abwesenheit. In Dänemark hat sich ein
allgemeines Gespür dafür entwickelt, das sich erfreulich wenig um das traditionelle
Doku-Format schert. Statt dessen wird ein kultivierter, kluger Blick auf die Dinge
favorisiert.
Emma Tutty lebt als Dokumentarfilmexpertin und
Autorin in London. Der Artikel erschien zuvor in einer längeren, englischsprachigen
Fassung im DOX Documentary Film Magazine Nr. 31/2000.
Extra-Info: An eine Reihe der dänischen
Dokumentarfilme, die 2001 Premiere feiern werden, sind hohe Erwartungen geknüpft.

Krig/War (Jens Loftager, Cosmo Film).
Drei große Filme berichten über das menschliche Schicksal im Krieg: Jens Loftagers Krig/War
schildert die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs und des Kriegs in Ex-Jugoslawien. Lars
Johanssons Seasons of Blood and Hope ist ein starkes und persönliches Epos über
Schicksale während und nach dem langen Bürgerkrieg im Kosovo und in Serbien. Ove Nyholms
Essay Ondskabens Anatomi/The Anatomy of Evil versucht, ausgehend von einer
Kriegssituation, das Böse zu beschreiben, so wie es sich in einem verzerrten Menschenbild
widerspiegelt.

Seasons of Blood and Hope (Lars Johansson,
Peter Bech Film). Foto: Lars Johansson.
Einer der anerkanntesten Dokumentarfilmer in Dänemark ist Jon Bang Carlsen, der in Kürze
seinen Film Et portræt vorstellen wird, in dem Bilder aus Südafrika und Irland zu
sehen sein werden. Der Portraitierte ist kein geringerer als
Gott! Mariella Harpelund
zeichnet ein Portriat eines der legendären Cotton Club Girls aus der großen Zeit
des amerikanischen Jazz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Katia Forbert
Petersens Von Triers 100 øjne/Von Triers 100 Eyes wird Lars von Triers
Arbeit mit dem Film Dancer in the Dark beschrieben.
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