STIG BjÖRKMAN IM GESPRÄCH MIT LONE SCHERFIG
DOGMA 95: DEN PERFEKTIONISMUS UNTERGRABENEine
neue deutsche Anthologie mit dem Titel Dogma 95 Zwischen Kontrolle und
Chaos" wird demnächst auf dem Markt erscheinen. Die dänische Regisseuring Lone
Scherfig, die mit Ihrem Film Italiensk for begyndere/Italian for Beginners an den
51. Internationalen Filmfestspielen in Berlin teilnimmt, berichtet in einem der
zahlreichen Interviews des Buches von ihren Erfahrungen mit den Dogma-Filmen. In diesem
Artiklen stellen wir Ihnen im Vorabdruck Ausschnitte des Interviews vor, das Stig
Björkman mit Lone Scherig geführt hat.
- Ich wurde gefragt, ob ich einen DOGMA-Film
machen wolle, und bat dann um eine kurze Bedenkzeit. Der Film war also von Anfang an als
DOGMA-Film gedacht. (
) Der Film erzählt von einer Gruppe von Leuten, die einen
Italienischkurs besuchen.
- Der Film ist eine Liebesgeschichte. Die Erzählung ist
geradlinig und dennoch unbeschwert. Das muss sie, glaube ich, in einem DOGMA-Film auch
sein. Ist die Erzählung nämlich zu kompliziert, hat sie es, meines Erachtens, schwer zu
funktionieren. Das hat dann nichts mehr mit DOGMA zu tun.
- Die Dramaturgie für DOGMA scheint sich dennoch gut
für Geschichten über Kollektive zu eignen. Weil DOGMA-Dramaturgie bedeutet, dass
Dramaturgie im herkömmlichen Snne nicht vorkommen darf. An erster Stelle steht die
Psychologie. Daraus entwickeln sich schnell Familiengeschichten oder Erzählungen, in
denen es um Freundschaft und ähnliche Beziehungen geht.
- Meine Grundlage bildete ein nicht bis ins Letzte
augearbeitetes Drehbuch. Aber es gab eine klare story-line. Ein Teil der Dialoge
war schon geschrieben, aber eine ganze Menge haben die Schauspieler selbst verfaßt oder
auf andere Art und Weise beigesteuert. Ich schrieb noch während der Dreharbeiten, und die
Schlußszene drehten wir sogar ohne Drehbuch.
- In manchen Szenen arbeiteten wir zunächst ganz
konventionell, aber danach improvisierten wir. Die Schauspieler jonglierten mit dem Text,
und der Kameramann hatte beim Filmen völlige Freiheit. Der Kameramann, den ich hatte,
Björn Johansen, ist sehr aufmerksam und hat die Fähigkeit zuzuhören. Das ist in solch
einem Zusammenhang beinahe wichtiger als ein Kameramann, der sehen kann. Denn in einem
DOGMA-Film gibt es ja unglaublich viele Dialoge.
- Die ersten drei DOGMA-Filme waren vom Charakter her
expressiver. Mein Film ist eher still und reflektierend. Das erfordert auch ein stilleres
Bild. Die Kamera muss sich den Personen so nähern, dass herausgefunden werden kann, wer
sie sind und was sie denken. Das ist ein Grund, weshalb mein Film vom Stil her eher
nachdenklich ist. Er konzentriert sich sehr auf die Nahaufnahmen.
- (
) was ich trotz allem an DOGMA am meisten
schätze, ist, dass man sich auflehnt und den Perfektionismus in den Filmen untergräbt.
Das Interview führte Stig Björkman mit Lone Scherfig
am 14. April 2000 in Kopenhagen. Das komplette Interview erscheint in der Anthologie
Dogma 95 Zwischen Kontrolle und Chaos".
LITERATURHINWEIS:

DOGMA 95
Zwischen Kontrolle und Chaos
Alexander Verlag Berlin
Herausgegeben von Jana Hallberg und Alexander Wewerka
Redaktion Karin Meßlinger
ca. 460 Seiten, Broschur, ca. DM/SFr 39,90/ÖS 291,
Originalausgabe, ISBN 3-89581-047-9
Was sind die Absichten und Hintergründe der unter der
Bezeichnung DOGMA 95 zusammengefaßten Regeln?
Welche Konsequenzen die Dogma-Regeln auf die praktische
Arbeit eines Regisseurs hat, erfährt man aus Lars von Triers Tagebuch, das er während
der Dreharbeiten zu Idioterne/Idioten führte. Außerdem wird das Drehbuch zu Festen/Das
Fest erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Es kommen zu Wort: der Produzent Peter
Aalbæk-Jensen, der Kameramann Anthony Dod Mantle, die Schauspieler Elodie Bouchez,
Paprika Steen und Jens Albinus, der Drehbuchautor Mogens Rukov, der Dokumentarfilmer
Jesper Jargil, der deutsche Regisseur Andreas Dresen, die Filmtheoretiker Peter
Schepelern, Georg Seeßlen und Achim Forst und natürlich die Regisseure der bisher
erschienenen sechs DOGMA-Filme: Jean-Marc Barr, Harmony Korine, Søren Kragh-Jacobsen,
Kristian Levring, Lars von Trier und Thomas Vinterberg.
Im Anhang findet sich eine Auswahl weiterer Filmmanifeste
u. a. von Dsiga Wertow, Alexandre Astruc, Cesare Zavattini, François Truffaut und Werner
Herzog.
zurück zu Kennzeichen DK Nr. 55
zurück zu Adressen & Publikationen
zurück zu Aktuelles
|