BERND POLSTER
DÄNISCHES DESIGN: WOVON LEBEN DIE DÄNEN?Als
ich vor einigen Jahren einen dänischen Freund fragte, wovon Dänemark denn eigentlich
leben würde, brachte ich ihn ziemlich in Verlegenheit. Nun gut, er hatte schon lange im
Ausland gelebt. Und außerdem war es natürlich eine schwierig zu beantwortende Frage.
England hat seine Popmusik und seine Regenjacken, Deutschland seine Autos und seine
Fußballschuhe. So einfach liegt der Fall offenbar nicht.
Ich hatte damals übrigens noch nie einen Katalog der Kölner Möbelmesse gesehen. Als ich
mich später ernsthaft mit dem Thema Design zu beschäftigen hatte und das Versäumnis
nachholte, staunte ich nicht schlecht. Da ist das kleine Land gemessen an der Zahl der
vertretenen Möbelfirmen nach Italien der mit Abstand größte ausländische Aussteller.
Einen Reim darauf machen konnte ich mir allerdings nicht. Denn berühmt für seine
ausgedehnten Waldgebiete ist Dänemark ja wohl kaum.
Mittlerweile habe ich ein Buch über dänisches, respektive skandinavisches Design
geschrieben, und weiß gottseidank ein bißchen mehr. Die Antwort auf die gemeine Frage,
die ich meinem Freund stellte, lautet: Dänemark lebt zum großen Teil von seinen Ideen,
das heißt nicht zuletzt von Innovation und Design. Ein Beweis ist die frappierende Zahl
von Klassikern, die sich dänische Designer - es waren auch diverse Tischler und Techniker
darunter - über die Jahre ausgedacht haben und die, umgerechnet auf die
Bevölkerungszahl, weltrekordverdächtig ist: von Kaare Klints sympathischen
Plissee-Lampen und dem nach seinem Schöpfer benannten Plastik-Freischwinger von Verner
Panton, über Arne Jacobsens Ameisen-Stuhl (meinem ersten Designermöbelstück), die
zifferlosen Uhren von Georg Jensen und das definitive Anbauregal von Montana bis hin zu
Erik Magnussens zylindrischer Warmhaltekanne, die schon so vielen Konferenzen beiwohnte.
Nicht zu vergessen die Traum-Anlage von Bang & Olufsen (die für mich ein Traum
geblieben ist) und last not least die Legosteine, jene Bauklötze, die die Welt bedeuten.
Es gibt unglaubliche Erfolgsgeschichten: wer weiß schon, daß jene Metallspiralen mit
Holzsitz - die aus den Fußgängerzonen dieses Globus nicht mehr wegzudenken sind und auf
denen sich Kinder so gerne austoben - aus Ringe stammen, einem Nest auf der Insel Fünen.
Die Firma Kompan, die mittlerweile ein Monopol auf Spielplatzausrüstungen zu haben
scheint, hat ein geniales Konzept entwickelt: eine organische Formgebung, die an die
große dänische Möbeltradition anknüpft, moderesistente Primärfarben und ein
ausgeklügeltes Modulsystem ergeben eine Spielumwelt, die von Kindern überall auf der
Welt verstanden wird und die sich ebenso wohltuend von den Spielplätzen vergangener Tage
abhebt wie von der oft öden urbanen Umwelt.
Die spezifische Mischung aus Provinz und Weltläufigkeit - die ich auch an der Hauptstadt
Kopenhagen so schätze - scheint eines der Pfunde zu sein, mit dem dänisches Design
wuchern kann. Irgendwie muß damit auch ein anderes typisches Phänomen zusammenhängen:
das überproportionale Auftreten ebenso inniger wie erfolgreicher Paarbildungen zwischen
Designern und Unternehmern. Erik Magnussen und Stelton sowie Nanna Ditzel und Fredericia
sind nur zwei Beispiele für so viele produktive Partnerschaften.
Aber da ist noch mehr, was mir gefällt. Zum Beispiel der Satz: "Ein mißlungenes
Experiment kann wichtiger sein als eine Trivialität", den der Rebell Verner Panton
auch seinen Landsleuten ins Stammbuch schrieb. Nonkonformisten wie er bevölkern die
dänische Designgeschichte. Exemplarisch dafür steht eine der ungewöhnlichsten - und
international viel zu wenig wahrgenommenen - Designerpersönlichkeiten: der göttliche
Querdenker Poul Henningsen, seines Zeichens Publizist, Kettenraucher, Chansonschreiber und
Erfinder der ersten wirklich funktionalistischen Leuchte, der "PH-Lampe".
Auch Arne Jacobsen, der Übervater des dänischen Möbeldesigns, war ein Tabubrecher (und
wurde zu seiner Zeit als "Eier-tekt" verspottet). Zu ihm fällt mir eine
Anekdote ein: als Jacobsen in den sechziger Jahren das St.Cathrine's College in Oxford
baute, konnte er kein Englisch und seine Auftraggeber kein Dänisch. Jacobsen bat die
Ärmsten daraufhin, mit ihm Deutsch zu sprechen, das er in der Schule gelernt hatte. Die
kulturelle Nähe zwischen Dänemark und Deutschland ist ein wenig beachteter Aspekt,
obwohl er, zumindest im Design, so offensichtlich ist. Jacobsen steht als Paradebeispiel
für alle, die die Formensprache des Bauhauses ins Dänische übersetzten und so die
Schule der großen Vereinfacher begründeten, die das dänische Design so lange
dominierte. Es sei mir verziehen, daß mir diese Affinität ein ebenso sympathischer
Gedanke ist wie die Tatsache, daß eine junge Designergeneration gerade mit Vehemenz
dagegen revoltiert.
Bernd Polster hat zahlreiche Buchveröffentlichungen
zu kultur- und industriegeschichtlichen Themen herausgegeben, unter anderem das
"Design Lexikon Skandinavien", das 1999 beim Dumont Buchverlag erschienen ist;
Autor von Fernseh- und Rundfunkfeatures; seit 1996 Projektentwicklung für Howard Buch
Produktion in Bonn.
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