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JENS BERNSEN
DESIGN IM ÖFFENTLICHEN RAUM: TÄGLICHE WEGBEGLEITUNG

Design ist eine Reise. Design ist ein Prozess, eine Reise von Aufgabe zu Ergebnis. In einer von Menschenhand geschaffenen Welt werden die Erfahrungen einer Reise mehr und mehr von dem bestimmt, was man Design nennt.

Während man reist, genügt oft ein schneller Blick auf die Zähne der Leute und das Pflaster der Straßen - und schon weiß man viel über die ökonomische Situation des Landes und über sein kulturelles Niveau.

Knud von Engelhardt
Knud von Engelhardt (1882 bis 1932), Pionier des dänischen Design im öffentlichen Raum, machte sich zunächst einen Namen als Grafiker, arbeitete auch als Architekt. Von Engelhardt stammen die Entwürfe für die damalige Kopenhagener Straßenbahn, und er war es auch, der Praktikabilität als Wertmaßstab für Design einführte. Noch heute lebt das Public Design in Dänemark von seinem Gedankengut.

Engelhardt bestand darauf, daß der Schlüssel im Detail liegen solle. Eine seiner Grundregeln war, daß Griffe, Kanten und Ecken nie scharfkantig sein dürften, denn durch den Gebrauch würden sie ohnehin abgerundet, und da wäre nichts unangenehmer, als sich an scharfen Kanten zu stoßen oder gegen harte Ecken zu rennen. Also entwarf er die Griffe in seinen Straßenbahnen so, daß sie sich von Anfang an wohlig anfühlten und sich auch bei langem Gebrauch nicht abwetzten.

Engelhardt übertrug seine Prinzipien sogar ins Zweidimensionale und entwarf Schriften, die rund und weich erschienen und deren Buchstaben aussahen wie abgenutzt nach langem Gebrauch. Eine seiner Schrifttypen hat sich bis heute erhalten: In der Gemeinde Gentofte nördlich von Kopenhagen sind alle Straßennamen damit geschrieben. Die Pünktchen über i und j waren bei Engelhardt oft herzförmig - ein Verweis auf seinen Namen. Lange Jahre waren diese Pünktchen auf den Straßenschildern in Gentofte rot hervorgehoben.

Auch sein Umgang mit Farbe schrieb Designgeschichte. Für die Farbe der Straßenbahn-Triebwagen sammelte er Staub aus allen Teilen der Stadt und mixte dann eine Farbe zusammen, die den versammelten Farbproben am ehesten entsprach. So konnte kaum jemand erkennen, daß die Triebwagen ständig von Staub überzogen waren, was die Wartungskosten drastisch reduzierte.

Jens Nielsen
Jens Nielsen und die DSB: Anfang der siebziger Jahre beginnt bei den Dänischen Staatsbahnen DSB die legendäre Zusammenarbeit zwischen Direktor Povl Hjelt und seinem Stardesigner, dem Architekten Jens Nielsen. Der erste Auftrag an Nielsen lautete: Finden Sie eine visuelle Identität für die DSB. Später folgte, Schritt um Schritt, die „Corporate Identity" des gesamten Unternehmens.
Zunächst führte die DSB einen ganzen Katalog von neuen Elementen ein, mit denen die Bahnsteige möbliert wurden, dazu gehörten Bänke und Beleuchtungskörper von Steen Zinck und Beschilderungen von Jens Møller-Jensen, der Jock Kinneirs Alphabet der British Rail übernahm und diese an die speziellen dänischen Buchstaben anpaßte. Ergänzend legte man für jede Art von Architektur eine Grammatik fest und wählte als dominante Farben Rot und Schwarz.

Erst später wurden neue Generationen von Zügen entwickelt, wie der berühmte IC3 mit seiner Gummi-Nase und seiner drehbaren Führerkabine für schnelles An- und Abkoppeln. Das war Jens Nielsens wesentlichster Beitrag als konzeptioneller Designer. Zu den jüngsten Ergänzungen des Zügeparks gehören die neuen Regionalzüge und die großräumigen S-Bahnen, die Pelikan-Design zusammen mit Carl Bro entworfen hat.

Zuletzt wurde auch die Architektur in das Grand Design Programm einbezogen, und der Nahnhof in Høje Taastrup von Claus Bonderup stellt darin einen der Höhepunkte dar. Er ist ein außerordentliches Stück Städtebau und setzt Maßstäbe dafür, wie der Rahmen für ein funktionierendes Stadtleben aussehen kann. Daß er dann doch nicht so funktionierte wie vorgesehen, liegt daran, dass die Menschenmengen, die eine solches Stück Stadt bevölkern und beleben müssen, ausblieben. Doch das ist eine andere Geschichte.

Jens Nielsen hat einmal gesagt, dass sich Design-Programme und ihre Anwendung in
Stufen entwickeln. Zuerst legt man alles ganz strikt fest. Später dann erfindet man Abweichungen von der Regel, so nötig. Noch später durchkreuzt man aus prinzipiellen Überlegungen das eigene Schema. So geschehen bei der Anwendung der berühmten, auf der Helvetica basierenden Typografie der DSB. 1998, sechs Jahre nach dem Tod von Jens Nielsen, verschwand die Helvetica gänzlich und wurde durch ein neues Schriftenprogramm von Kontrapunkt ersetzt, das mehr Spielraum für individuelle Entwürfe und Ausdrucksformen vorhält. In diesem Umformungsprozess zeigte Kontrapunkt, dass es eine zeitlose Typografie nicht gibt, auch wenn sie ursprüng-
lich als eine einfache und zeitlose entworfen wurde. Selbst bei der Schrift müssen die Entwürfe der Zeit folgen, um alterslos und frisch zu erscheinen.

Das Straßenland
Bodenbeläge, Straßenmöblierung: In den vergangenen Jahren wurden viele Stadtzentren in Dänemark reaktiviert. Meist fing es mit einer neuen Pflasterung und mit einer neuen Straßenbeleuchtung an. Für immer vorbei ist die Zeit, in der Stadtzentren aussahen wie billige Marktplätze, voll mit schreiender Werbung, mit Plastikfähnchen und Papptafeln, die die halben Bürgersteige blockierten. All das wurde ersetzt durch eine neue Straßenszenerie,
die ein eher zivilisiertes Bild abgibt und die sich zudem, jedenfalls in vielen Fällen, auch auf den Verkauf günstig auswirkt.

Im Zentrum von Kopenhagen sind fast alle wichtigen Stadtplätze in den vergangenen Jahren neu gestaltet worden, und auch hier wurde meist am Boden begonnen, mit der Pflasterung. Das beste Beispiel für mich ist der Amagertorv, ein Teilstück der Kopenhagener Fußgängerzone Strøget, wo ein halbes Dutzend verschiedener Granitplatten verwendet und zu einem ausgetüftelten Muster zusammengesetzt wurde. Der Entwurf stammt von dem Bildhauer Bjørn Nørgaard. Was dabei herauskam, ist ein kaum auffälliges und dennoch vitales Szenenbild für das städtische Leben.

Ein ganz besonderes Merkmal der Straßenpflasterung in ganz Dänemark sind die Pictoform Blocks. Sie wurden im Zusammenhang mit dem Projekt „Stadtpläne für Blinde" entwickelt, das vom Dänischen Design Zentrum initiiert und betreut wurde. Zuerst ging es nur um Stadtpläne, die ein Blinder erfühlen kann. Das Orientierungssystem wurde bald um die Idee eines „elektronischen Freundes" erweitert: ein Mobilphone, zu dem man reden kann und das mit einer künstlichen Stimme antwortet und Instruktionen erteilt. Das wurde schon 1994 mit GPS-Links und allem Drum und Dran installiert. Während wir daran arbeiteten, fragten wir uns, warum wir nicht auch noch ein System ertastbarer Pflastersteine entwickeln sollten, das einerseits bestimmte Wege markiert, zum anderen Gefahrenzonen ankündigt und das sich mittels Schuhsohlen oder Blindenstock ertasten läßt. Das System wurde von Professor Knud Holscher entworfen und wird von der Firma GH Form gefertigt, die auch einen großen Teil der gußeisernen Straßenmöbel und Straßenlampen herstellt.

Straßenmöbel
Neben Pflasterung und Straßenleuchten spielt die Möblierung der Straßen und Plätze eine entscheidende Rolle, um das Bühnenbild der Straße zu vollenden. Bänke, Papierkörbe, Telefonzellen, Bushaltestellen, Werbetafeln und Würstchenbuden werden gebraucht, und sie sprechen entweder direkt oder durch das, was sie anbieten, zum Publikum. Ich glaube, dass die Altstadt von Kopenhagen die schönsten Telefonzellen der Welt besitzt: Diese schlanken, eleganten, quasi organisch geformten Körper bieten gerade so viel Schutz wie nötig, sie stehen im Stadtbild wie selbstverständlich, als seien sie schon immer dort gewesen. Diese Telefonzellen sind aus der
ersten Design-Ausschreibung des Dänischen Design Zentrums hervorgegangen. Das war 1982, Auftraggeber war damals die Kopenhagener Telefongesellschaft (die heute zu Tele Danmark gehört). Die Telefonzellen wurden von dem Architekten Klavs Helweg-Larsen entworfen, der damit den Wettbewerb gewann. Es gab über 100 Einsendungen, und vier der Entwürfe wurden sogar im Maßstab 1 : 1 gebaut und getestet. Kaum waren sie aufgestellt, bekamen die neuen Telefonzellen auch schon ihren Spitznamen, man nannte sie „die rostfreien Fragezeichen".

Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Eleganz haben die Telefonzellen einen Skandal heraufbeschworen. Zunächst versuchte das Ministerium für Verkehr, sie zu verbieten, weil der Minister sie nicht leiden konnte, später hieß es, sie wären nicht behindertengerecht. Doch der Oberbürgermeister von Kopenhagen leistete energisch Widerstand. Er ließ verlauten, wenn die Telefongesellschaft in der Altstadt Münztelefone aufstellen wolle, dann bitte die in rostfreiem Stahl und keine anderen. Und so geschah's. Neuerungen im Public Design und deren Durchsetzung, das ist keine Sache für Kleinmütige.

Kopenhagen, Rathausplatz
Obwohl ich mich seit rund zwanzig Jahren mit Design und Public Design herumschlage, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß Architektur wichtiger ist als Design und Städtebau mehr ist als Architektur. Doch manchmal, freilich selten, kommt es, dass alle drei zusammenwirken. Ein Beispiel dafür ist der Rathausplatz von Kopenhagen, der, wie viele andere, in den vergangenen Jahren ein neues Gesicht erhalten hat. Das ist der Öffentlichkeit natürlich nicht entgangen. Der modernistische Bus-Terminal in schwärzlichem Glas, den die Architekten KHR hier plaziert haben, hat mehr Debatten ausgelöst als irgendein anderes Gebäude der letzten Jahre und - man mag das mit Ironie vermerken - so die Aufmerksamkeit von viel größeren und wichtigeren Bauprojekten und städtebaulichen Planungen abgelenkt.

Hier, an diesem Ort, wo es so viel Verkehr gibt, dass es unmöglich schien, ein lebendiges und attraktives städtisches Ambiente zu schaffen, hat man, zu aller Überraschung, damit Erfolg gehabt. Für mich persönlich beinhaltet der Rathausplatz noch eine besondere Attraktion: Er stellt fast alle Produkte aus, an denen das Dänische Design Zentrum seinen bescheidenen Anteil hat, wie zum Beispiel etwa ein Dutzend von Klavs Helweg-Larsens „Fragezeichen". Natürlich sieht man die HT-Typografie an allen Bussen, die am Terminal warten, und am Terminal selbst auch. Dazu gibt es Pictoform-Orientierungslinien für die blinden Stadtbewohner, und es gibt Helios Lampen, die
ein ehemaliges Mitglied des Design Zentrums entworfen hat.

Design ist wichtig, Design macht den Unterschied aus. Auch wenn es vielleicht weniger bedeutet als Architektur oder Städtebau.

Jens Bernsen war bis zum vergangenen Jahr Direktor des Dänischen Design Zentrums. Der hier abgedruckte Artikel ist zuvor in längerer Fassung in der Zeitschrift "Stadtbauwelt 12/01" erschienen.


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