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KIM BRINCKMANN
IT-POLITIK: WEGE ZUR NETZWERKGESELLSCHAFT
Dänemark ist eine
Wohlfahrtsgesellschaft - aber auch eine Netzwerkgesellschaft, in der
Wissen, Kommunikation und Kompetenzentwicklung neue Perspektiven in
technologischen und zwischenmenschlichen Netzwerken erlangen.
In der Netzwerkgesellschaft müssen wir uns wohl oder übel an eine
Welt gewöhnen, die sich in stetiger Veränderung befindet. Die
Verwendung von Computern, Mobiltelefonen und dem Internet verändert
im großen wie im kleinen unseren Alltag, und das stellt auch
Anforderungen an unsere Kompetenzen. Diese müssen auf dem neuesten
Stand gehalten werden, wenn wir in der Lage sein wollen, die neuen
Möglichkeiten zu verstehen und zu nutzen.
Dänemark ist eines jener Länder, die als erste eine eigenständige
IT-Politik formuliert haben. Dennoch reicht die Geschichte der
dänischen IT-Politik nicht weit zurück. Ihr Startpunkt liegt in
einem Ausschuss-Bericht über „Die Informationsgesellschaft im
Jahr 2000“, der 1994 der Regierung vorgelegt worden ist. Der
Bericht war ein großer politischer Erfolg und stellte in weiten
Teilen den Ausgangspunkt für den IT-politischen Handlungsplan „Von
der Vision zum Handeln“ (Fra vision til handling) dar, der 1995
von der Regierung vorgelegt worden ist.
Mit der verstärkten Aufmerksamkeit der Regierung für IT-Fragen
wurde das Forschungsministerium 1994 um die Bereiche
Informationstechnologie und Telekommunikation erweitert. Es war das
Ziel der Regierung, die Politikfelder, die einen großen Einfluß
auf die Gestaltung der künftigen dänischen Wohlfahrtsgesellschaft
ausübten, in einem Ministerium zu sammeln, das bei diversen
Anlässen auch als „Zukunftsministerium“ tituliert worden ist.
Seit 1995 wird die dänische IT-Tätigkeit in jährlichen Berichten
an das Folketing dokumentiert. Hier werden der Status der bisherigen
Entwicklung und die weiteren Pläne für die IT-Entwicklung in
Dänemark festgehalten. 1999 führte außerdem eine umfassende
Ausschusstätigkeit dazu, dass neue Ziele für die Entwicklung des
„Digitalen Dänemarks“ gesteckt worden sind.
Das IT-politische Fundament
Die Grundpfeiler der
dänischen IT-Politik haben sich seit 1995 nicht wesentlich
geändert. Das, was als dänisches IT-Modell benannt werden kann,
fußt auf folgende grundlegende Zielsetzungen:
- Bei richtiger Anwendung
muss die Informationstechnologie eine Quelle der
wirtschaftlichen Entwicklung, der höheren Lebensqualität und
besserer öffentlicher und privater Dienstleistungen sein.
- Die IT-Entwicklung muss auf
eine nationale Strategie fußen, die Dänemark in eine
führende Position bringen kann.
- Es muss auf eine breite
Anwendung von IT gesetzt werden. Die dänische IT-Entwicklung
und -Anwendung muss auf Werte wie Offenheit, Demokratie und
Verantwortung für alle Mitglieder der Gesellschaft bauen, so
dass keine informationstechnologische Aufspaltung in Bürger
erster und zweiter Klasse stattfindet.
- Der öffentliche Sektor
muss aktiv mit dem privatwirtschaftlichen zusammenarbeiten und
mit einer effektiven Anwendung von IT voranschreiten.
Im dänischen IT-Modell spielt es
eine zentrale Rolle, dass alle die Möglichkeit haben sollen,
teilzunehmen. Dänemark muss intensiv auf die Forschung,
Ausbildung und auf innovative Unternehmen setzen, die sich im
weltweiten Wettbewerb messen können. Es darf aber nicht von einer
einseitigen Förderung der Elite die Rede sein. Es wird als
besondere Herausforderung verstanden, eine Balance zwischen den
neuen Arten zu denken und Geld zu verdienen einerseits und den
Traditionen und Werten der „alten“ Welt andererseits zu
finden.
Das dänische IT-Modell wird nicht als Gegenstück zu den
Grundwerten der neuen Märkte verstanden. Ganz im Gegenteil. Gute
Ausbildungsmöglichkeiten, Arbeit für alle, soziale Sicherheit
und eine generell gut funktionierende und homogene Gesellschaft
sind einige der Rahmenbedingungen, die bei kompetenten und
kreativen Menschen einen hohen Stellenwert einnehmen.
Der jüngste World Investment Report der UNO unterstreicht diesen
Ansatz. Hier findet man Dänemark auf dem achten Rang der
attraktivsten Länder für Investitionen - und das trotz des
kleinen Sprachgebiets und des hohen Steuerniveaus. In einer
Netzwerks- und Wissensgesellschaft sind es andere Faktoren, die
zählen, wenn es darum geht, wo Gelder am besten investiert werden
können.
Die dänische
IT-Entwicklung in Zahlen
Die Verfügbarkeit von
PCs und Internet ist schon jetzt für die meisten Dänen eine
Selbstverständlichkeit. Mehr als die Hälfte aller dänischen
Familien verfügte Anfang 2001 über einen Internetzugang.
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass 72% der Bevölkerung entweder
von zu Hause oder vom Arbeitsplatz aus das Internet nutzen
können. Doch noch immer bestehen soziale Unterschiede in der
Zugänglichkeit und der Nutzung von IT-Technologien.
Die Dänen verwenden das Internet für eine Reihe
unterschiedlicher Anlässe. Die schnelle Kommunikation per Email
ist der häufigste Verwendungsgrund, während die Suche nach
spezifischen Informationen auf dem zweiten Rang liegen. Es ist
bemerkenswert, dass fast jeder dritte Däne das Internet bereits
zu Ausbildungszwecken verwendet, obwohl die Qualität und der
Umfang der Bildungsangebote im Netz noch entwicklungsfähig sind.
Im Ausbildungsbereich wird IT in unterschiedlichen Zusammenhängen
verwendet, und überall setzt man auf die weitere Integration von
IT in den Unterrichtsfächern und der Weiterbildung der Ausbilder.
Auch viele dänische Unternehmen haben bereits den technologischen
Tigersprung vollführt. 90% der Unternehmen mit mehr als fünf
Mitarbeitern verwenden IT. Mehr als 80% verfügen über einen oder
mehrere Internetzugänge und mehr als die Hälfte haben ihre
eigene Homepage im Internet. Immer mehr Unternehmen vergeben oder
empfangen Aufträge über das Internet oder über Homepages.
Im Unternehmensbereich gibt es auch Unterschiede, unter anderem im
Bezug auf die Branche oder die Anzahl der Mitarbeiter. Im
besonderen Maße wird deutlich, dass es kleinen Unternehmen
schwerfällt, die notwendigen finanziellen und technischen
Ressourcen aufzubringen.
Dänemark ist keine weltweit führende IT-Industrie-Nation. Wie
bekannt ist, haben weder Ericsson, Nokia noch Siemens ihren
Hauptsitz in Dänemark. Die dänische IT-Industrie verfügt
allerdings über eine Reihe von Vorzügen, die jedoch auf
zahlreiche Unternehmen verteilt sind. 1998 zählte man in der
dänischen IT-Branche 12.860 Unternehmen, verteilt auf
IT-Consultants (71%), IT-Großhändler (21%), IT-Industrie (7%)
und Telekommunikation (1%).
Der Umsatz der IT-Branche gewinnt stetig an Bedeutung für die
dänische Wirtschaft. Der Umsatz belief sich 1998 auf ca. 43,5
Mrd. DM bzw. 9,5% des Gesamtumsatzes der dänischen Wirtschaft.
Dies bedeutet eine Steigerung um 85% gegenüber 1992.
Von Technik zu Inhalt
Die Zahlen sprechen eine
deutliche Sprache. Im Vergleich mit anderen Ländern verfügt
Dänemark über eines der besten IT-Potentiale. Dieses muss
genutzt werden, indem das Augenmerk verstärkt auf die Verwendung
von IT statt die eigentliche Technik gerichtet wird.
Dies ist auch der Tenor des sogenannten ”Breitbandplans”, der
den Titel ”Von Eisenwaren zu Inhalt“ (Fra isenkram til indhold)
trägt. Hierin legt die dänische Regierung eine umfassende
Strategie für die Verbreitung und Anwendung eines schnellen,
preiswerten und sicheren Internets in Dänemark vor.
Die Strategie baut darauf, dass dem größten Teil der dänischen
Haushalte Mitte 2002 eine schnelle Internetverbindung - primär in
Form von ADSL-Verbindungen - angeboten werden kann. Damit scheinen
gute Rahmenbedingungen für die Entwicklung einer marktbasierten
IT-Infrastruktur geschaffen worden zu sein. Die Strategie der
Regierung ruht demnach auf zwei Hauptprinzipien:
- Eine marktbasierte
dänische Infrastruktur: Investitionen in den Ausbau der
digitalen Infrastruktur sollen in Regie des Marktes geschehen.
Der politische Einfluss spielt eine entscheidende Rolle bei
der Festsetzung der Rahmenbedingungen und bei der Sicherung
des Wettbewerbs im IT- und Telekommunikationsbereich, indem
gesichert wird, dass die digitale Infrastruktur in allen
Teilen des Landes zugänglich und in der Anwendung sicher ist,
und das zu einem Preis, der es allen ermöglicht,
teilzunehmen.
- Der öffentliche Sektor
als IT-Lokomotive: Der öffentliche Sektor kann mit seinen
Direktinvestitionen und über IT-basierte Dienstleistungen
dazu beitragen, die Anschaffung von IT und die Nutzung des
Internets zu fördern. Die öffentliche Nachfrage ist somit
eine wesentliche Triebkraft beim Ausbau der künftigen
Infrastruktur.
Die künftigen IT-Initiativen
sollen, wenn die Möglichkeit für eine öffentliche
Kofinanzierung besteht, eine klare strategische Zielsetzung
verfolgen, und sie sollen in Hinblick auf eine oder mehrere
gesellschaftsdienliche Kriterien relevant sein:
- Höheres Wachstum und
höhere Produktivität
- Bessere öffentliche
Dienstleistungen und bessere soziale Leistungen
- Effektivisierung und
Rationalisierung des öffentlichen Sektors
- Kompetenzentwicklung
innerhalb der und über die IT
- Fortführung des dänischen
Kulturerbes und der Medienproduktion durch IT
Eine partnerschaftliche
IT-Entwicklung
Die öffentlichen
Bemühungen im IT-Bereich können nicht für sich alleine stehen.
Es bedarf einer Zusammenarbeit. Es muss eine neue, verpflichtende
Partnerschaft zwischen den öffentlichen und privaten Partnern
entstehen und es müssen neue Formen des Zusammenspiels und der
Zusammenarbeit zwischen den Sektoren, die bislang getrennt
voneinander gelebt haben.
Die innovativen Ressourcen in den Unternehmen können zur
Entwicklung breiterer und weniger Ressourcen verbrauchender
Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger beitragen.
Gleichzeitig kann die Nachfrage des öffentlichen Sektors nach
digitalen Leistungen und das Engagement in Partnerschaften
Bedeutung für die Entstehung neue privater Inhaltsproduzenten
haben, die sich auch im internationalen Wettbewerb geltend machen
können und die dazu beitragen können, das Angebot an dänischen
Inhalten im Netz zu vergrößern.
Mit der IT-Entwicklung als Triebkraft befinden wir uns mitten in
einer gesellschaftlichen Umwandlung. Dies erfordert auch eine
Auseinandersetzung mit unserem Systemdenken, das gerne an alten
Strukturen und eingefahrenen Vorstellungen festhält.
Kim Brinckmann ist Leiter des
Referats IT-Politik beim dänischen Ministerium für Forschung und
Informationstechnologie.
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