MORTEN SØNDERGAARD
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Wenn
wir jene Veränderungen der Kunst betrachten, die aus der
Verwendung neuer Medien und IT hervorgegangen sind, stehen die
Kunsteinrichtungen künftig einer Reihe großer Herausforderungen
gegenüber, die eine Neuformulierung und –ausrichtung der Räumlichkeit
– sowohl des Museums als auch des Kunstbegriffs an sich –
erforderlich machen werden. IT, das Internet wie auch alle anderen
neuen Technologien verleiten uns dazu, Räume auf neue Arten und
Weisen zu sehen und zu verstehen. Auch – und gerade – unsere
Denkweisen erfahren eine neue Räumlichkeit. Alte Gewohnheiten und
Verhaltensweisen kommen hiergegen nur noch wie Reliefs vor.
Das Kunstmuseum als Institution ist im Begriff, um eine Reihe
digitaler Räume reicher zu werden und damit auch die anderen,
„bekannteren“ (und manchmal auch gar nicht so bekannten) öffentlichen
und physischen Räume besser zu verstehen. Wenn die Museen die
digitale Kunst – hierunter auch die Kunst im Internet –
einbeziehen und diese dem Publikum zeigen, so geschieht dies nicht
unter den Umständen, die wir normalerweise als „räumlich“ im
physischen/dinglichen Verstand bezeichnen.
Die Netzkunst ist nämlich verwandt mit der Konzeptkunst unter
anderem in dem Punkt, dass sie extrem flüchtig ist und ein
erkenntnisgebundenes Netzwerk bildet, das oft auf die
naheliegenden subkulturellen Erfahrungsschichten beruht.
Als „digitaler Raum“ wird ein Museum für gewöhnlich zwei
primäre Funktionen erfüllen: teils, die digitale Kunst
(hierunter auch die Internetkunst) in den Sammlungen des Museums
zu archivieren und zu bewahren (Informationen hierzu gibt es auf www.culturenet-denmark.dk);
teils, selber Ausstellungen vorzunehmen und zu einem, Gewächshaus
für digitale Kunst zu werden – ein „digitales Herbarium“.
Es ist diese, letztgenannte Funktion, die im folgenden näher erörtert
werden soll.
Ein
digitales Herbarium
Wie
angedeutet, ist es ein wichtiges Element in der Entwicklung der
Beziehungen zwischen IT, Internet und Kunst, dass sowohl unter den
Künstlern als auch in den Institutionen im steigenden Maß auf
das Verhältnis zwischen dem digitalen und dem physischen Raum
geachtet wird. Diese gleichermaßen spannende und extrem
herausfordernde Entwicklung führt zu Fragen in Richtung der
„Konstituierung“ des digitalen Raums und wie ein
„Interface“ zwischen den digitalen und den physischen
„Naturgesetzen“ geschaffen werden kann. Ein weiteres
Kennzeichen für die Begegnung der Kunst mit IT ist deshalb, dass
einige Künstler ihr Augenmerk auf die Grenze zwischen Technologie
und Natur richten, und dass unsere Art und Weise, diese Grenze zu
denken, im gewissen Sinn fließender wird.
Neue
und alte Technologien
Es
ist nicht zum ersten mal, dass die Kunst das Verhältnis zwischen
Technologie und Natur untersucht. Leonardo da Vinci tat dies zum
Beispiel auch, ausgehend von der Technologie seiner Zeit, und
vielleicht liegt gerade in dieser, sich über 500 Jahre
erstreckenden Parallele eine besonders interessante Pointe: dass
Technologie als vom Menschen geschaffenes Ding „seine eigene
Gegenwart“ hat, die es ausdrückt und vorstellt. Technologie hat
deshalb vielleicht auch die Eigenschaft, in der Begegnung mit der
Kunst ihrer Zeit eine neue Blickweise auf die uralten
„Gesetze“ zu öffnen – all jene „Gesetze“, die uns
umgeben und der wir vielleicht sonst keine Beachtung schenken; all
jenes, das in der einen oder anderen Weise „wächst“ oder
hinter unseren kulturellen Oberflächen und globalisierten
Meinungen lebt.
Auf
der Netz-Haut
Ein
Herbarium ist gemäß der Definition des Fremdwörterbuches eine
Sammlung von Exemplaren verschiedener Pflanzen- und Tierarten
eines Landes oder einer bestimmten Region. Das Herbarium strebt
natürlich danach, umfassend und enzyklopädisch zu sein,
entwickelt sich stattdessen aber oft zu einem Mikro-Universum, das
über die Wege der Phantasie oder mit einem geschärften
Vorstellungsvermögen entfaltet werden muss: ein Sinnbild für das
ewige Streben des Menschen danach, versteckte Zusammenhänge und
die Theorie für alles zu finden – doch wie immer muss sich der
Mensch mit Modellen und Schemata begnügen, Vorstellungen, die
ungeachtet ihres Erklärungsvermögens für große Dinge wie
Supernovas oder kleine Dinge wie der innere Zusammenhalt von
Atomen nicht vermeiden können, dass wir spüren, dass der Mensch
stets eine Art Nebendarsteller in seiner eigenen Welt ist, die nie
in ihrer Gesamtheit überschaubar sein kann…
Eine
Welt aus Nebendarstellern
In
einer Welt aus Nebendarstellern gibt es Naturgesetze für gewisse
Dinge. Und dann gibt es auch noch ein großes Gesetz, das besagt,
dass es „für alles andere“ keine Gesetze gibt. All das, was
wir nicht erklären können, von dessen Existenz wir aber dennoch
wissen und das einen Teil unseres Alltags ausmacht. Für gewöhnlich
schenken wir „all dem anderen“ keine besondere Aufmerksamkeit.
All das, was wir nicht erklären können, macht einen großen Teil
unseres Alltags und unserer täglichen Sprache aus. Es würde eine
gesteigerte Aufmerksamkeit für gewisse Umgebungen und nicht
zuletzt uns selbst erfordern, diese Schichten sichtbar zu machen.
Diese geschärfte Aufmerksamkeit erhalten wir durch die zeitgenössische
Kunst – wenn sie gut ist. Und wenn sie richtig gut ist, vermag
die zeitgenössische Kunst, uns in den populären Ausdruck und die
Technologie einzubeziehen und das Vorstellungsvermögen des
Publikums auf verschiedenen Ebenen sinnstiftend zu aktivieren.
Ane
Mette Ruges „Nebendarsteller“
An
dieser Stelle soll ein Beispiel herausgehoben werden, nämlich Ane
Mette Ruges Ausstellungsprojekt „Nebendarsteller“, das im
kommenden Jahr in Roskilde und in Berlin in Zusammenhang mit der dänischen
EU-Ratspräsidentschaft gezeigt werden soll. Die Ausstellung, die
durch den Entwicklungsfond des Kulturministeriums gefördert
worden ist, eröffnet am 22. Februar im Museum für zeitgenössische
Kunst in Roskilde. Hiernach wird die Ausstellung mit Unterstützung
des Internationalen Kultursekretariats im Herbst 2002 im Kunsthaus
Tacheles in Berlin zu sehen sein.
Ein
weitverzweigtes Ausstellungsprojekt
„Nebendarsteller“
ist ein weitverzweigtes Ausstellungsprojekt, das sich mit den
Beziehungen zwischen den Räumen auseinandersetzt: die durch die
neuen Medien und Technologien geschaffenen Räume einerseits und
die durch die Ausstellungsräumlichkeiten bezeichneten physischen
Räume andererseits. Es werden im Rahmen der Ausstellung
Videoinstallationen, gescannte und fotografische Bilder, einen
digitalen Raum (im Internet) und Klanginstallationen gezeigt. Eine
große Struktur aus orangefarbenen Wasserrohren wird durch alle
Ausstellungsräume verlaufen und wird mit verschiedenen
Klangspuren zufällige Zusammenhänge zwischen den verschiedenen
Elementen der Ausstellung erzeugen. Somit bildet das Wasserrohr
eine visuelle Verbindung zwischen dem physischen Raum und dem
digitalen Raum im Internet.
Ane Mette Ruge wirft mit ihrem Projekt Licht auf „all das
andere“, das uns umgibt und dessen wir uns normalerweise nicht
bewusst sind – und nicht zuletzt auf die Nebendarsteller als
Akteure in einer Art absurden „Film“, in dem die verschiedenen
Räume der Ausstellung zu einer Art Bühne oder Bildschirm wird,
auf denen die Nebendarsteller vorbeigehen oder ewig in Grimassen
und Attitüden gefangen sein werden. Die Nebendarsteller sind in
erster Linie in Form von Plastikfiguren für eine Modelleisenbahn
eingefangen worden, die in den Plastik-Rahmen verharren, die auf
ihre „Schöpfung“ hinweisen: den Formgebungsprozess in der
Kunststofffabrikation. Auf Englisch nennt man das ganz treffend
„a cast“, was sowohl als „eine Form“ oder aber auch als
„ein Mitwirkender“ (zum Beispiel in einem Film) übersetzt
werden kann. Im Vorfeld der Ausstellung „Nebendarsteller“ hat
also ein „Casting“ stattgefunden, das sowohl metaphorisch als
auch ganz konkret aus einem Formgebungsprozess und einer Auswahl
der mitwirkenden Nebendarsteller bestanden hat. Diese
Nebendarsteller treten primär auf den gescannten und
fotografischen Bildern, aber auch im Internet in den Vordergrund.
Sie sind Akteure dessen, was als Ane Mette Ruges „digitales
Herbarium“ bezeichnet werden könnte: eine Untersuchung der
unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit, jedoch ohne eindeutige
Resultate. Eine Sammlung von Metaphern aus und über unsere
Gegenwart – und unseres Lebens im digitalen und physischen Raum.
Morten Søndergaard
ist Museumsabteilungsleiter am Museum für zeitgenössische Kunst
(Museet for Samtidskunst) in Roskilde.
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