JESPER 69 GREEN
DER ANDERE BLICK: .COM WIE ".COMMUNICATION", NICHT WIE
".COMMERCIAL"
Der
Wunsch der IT-User nach dem Kontakt zu anderen Usern ist der größte
Feind der ultrasmarten Playmakers. Es ist teuer, die stetig neuen
Arten des gegenseitigen Kontakts zwischen den Usern zu validieren
und auf dem neuesten Stand zu halten. Wenn dies jedoch nicht
geschieht, werden die User neue Wege finden, um miteinander zu
kommunizieren – das Netz wird wieder anarchistisch, während das
WWW im Zustand eines registrierungspflichtigen Forts verharrt.
Knallharte
Behauptung
WWW
ist Humbug. In dem Stadium, in dem es sich anno 2001 befindet, ist
es eine glatte Lüge. Das Internet hingegen ist eine geniale
Erfindung. Eingesponnen in Kabeln aus Kupfer, Glasfaser und
Gehirnen lebt und atmet das Internet und ist zu einer natürlichen
Ader geworden, die einen eigenen nummerierten Platz im
periodischen System verdient hätte. Wir nehmen es für gegeben,
als sei es ein Grundstoff.
Kurzes
Briefing für den Leser
Meine
früheste Erinnerung an das Internet reicht auf der Zeitachse zurück
in das Jahr 1986. Damals sah ich, wie ein Hacker in die Datenbank
mit den Meldungen der Washington Post für den kommenden Tag
eingebrochen ist, nachdem er über die Computer der Universität
Roskilde gegangen ist, um sich den billigstmöglichen Zugang in
die USA zu verschaffen. Und hier war er: der gemeinschaftliche
Geist im Netz, wenn Hacker damals ihre Heldengeschichten in einer
Sprache austauschten, die heute – 15 Jahre später – als
SMS-Sprache (puha!) aus den reklamelastigen Beilagen der
Sonntagszeitung jedem bekannt ist. Die Hacker unterhielten sich
virtuell F2F (face-2-face) über ihr BBS (Bulletin Board Systems),
und niemand kapierte ihren Code auch nur im geringsten. Sie hatten
ihre eigene Kultur, auch wenn die Standard-Akademiker sie verbal
mit Klagen über die Verwendung von Anglizismen steinigten.
Nostalgie
Das
alles war in einer Zeit, als noch niemand die Möglichkeit erkannt
hatte, die Datenautobahn – wie die digitale Ader bald genannt
wurde – mit glitzernden, blinkenden und stroboskopblitzenden
Banners zuzupflastern. Damals gab es einige, die sich in die
Computer großer Institutionen vor Ort einhackten, damit sie zum
Lokaltarif einen Händedruck zwischen ihrem eigenen Computer und
einem anderen auf Kosten der Institution durchzuführen. Das war
ziemlich clever und ein ungesetzlicher Ausdruck für einen
weitgehend unbekannten und ungeplanten Bedarf zwischen den Usern
im Internet. Dies war unsere Unabhängigkeitserklärung, und hätten
wir bloß gewusst, wie illoyal unsere kommunikativen Bedürfnisse
kommerziell ausgenützt würden, wären wir sicherlich lieber
Handballspieler anstatt digitale (und eine zeitlang reiche)
Computerfreaks geworden. Schon bald fanden die
Telefongesellschaften heraus, dass Mehr-Telefonie-Dollars zu holen
waren, indem man Modempools aufstellte, so dass alle User Ortsgebühren
für die Verbindung zum nächsten Pool zahlten, der sie weiter in
das große Netz schickte, das dort jungfräulich mit seinen
ungeernteten Früchten und dem abstrakten Raum verrückter Gehirne
unter der Sammelbezeichnung Cyberspace dalag. Eben jenes
Cyberspace, das nach den präzisen Worten des Schriftstellers
William Gibson „eine Halluzination basierend auf Konsens“ ist
– also eine Fata Morgana, über deren Existenz wir uns alle
einig sind. Das Nicht-Physische war drauf und dran, physisch zu
werden. Das alles war also eine gesunde Halluzination, ein Raum in
den Gehirnen der User, bis Anfang der neunziger Jahre der Browser
(ein Stück Software, das graphisch verdeutlichte, was im Netz
geschah) auf den Markt kam. Das WWW wurde fortan ein Ort der
Stupidität.
Die
Informations-Bulimie schlägt zu
Obwohl
der große Kommunikations-Wurf wegen des einfachen menschlichen
Bedürfnisses nach Identifikation durch Kommunikation schon vor
vielen Jahren gelungen ist, hat man das Internet so sehr mit dem
WWW und seinen großen Homepages mit Ozeanen aus Funktionen und
Informationen zugebaut, dass der User unweigerlich unter der
selben Informations-Bulimie leiden muss, die ich unlängst
entwickelt habe. Das Problem besteht darin, dass alle Websites die
gleichen Funktionen und die gleichen Nachrichten haben und dass
sie einander so sehr ähneln, dass der User keinen Raum mehr hat,
um auf eigene Entdeckungsreise zu gehen. Das einst jungfräuliche
Internet, das wie eine unbeschrittene Schneelandschaft im
Reihenhaus-Garten unserer Kindheit vor uns gelegen hat, existiert
nicht mehr. Weshalb sollte ein User all die Seiten besuchen, die
mir die Frage stellen, was ich für die Homepage tun kann anstatt,
dass die Homepage mich fragt (um den allseits bekannten Chiasmus
zu benutzen), was sie für mich tun kann? Die meisten Homepages
verlangen erst einmal, dass ich mich bei ihnen registriere, bevor
ich irgendwelche Dinge auf ihnen vornehmen kann. Das alles
geschieht im gierigen Versuch der Datenerfassung, um 1. meine
Kontaktangaben weiterverkaufen zu können, und 2. um bei einer späteren
Börsennotierung behaupten zu können, dass die Seite soundsoviele
registrierte Kunden hat und damit soundsoviel wert ist. (Es dreht
sich also alles um Wert statt um Kundenwünsche – ja, der
Idealismus im Netz ist längst gestorben.)
Das
WWW hat sich selbst zu Tode geblinkt
Mittlerweile
gibt es viele, die die blinde Nutzung der WWW-Seiten hinter sich
gelassen haben, die im Versuch des ökonomischen Handelns die
immer gleichen Nachrichten und Funktionalitäten in syndizierter
Form zeigen. Ich besuche die Homepage einer Tageszeitung, um die
Nachrichten dieser Zeitung zu lesen, aber ich gehe nicht auf
Yahoo, um dort die syndizierten Nachrichten der selben Zeitung zu
lesen. Ich besuche Yahoo, um Yahoos Nachrichten zu lesen.
Syndizierung ist die Wurzel zum Discount-Net. Ich könnte
zahlreiche Portale und Seiten nennen, die auf einer solchen
Discount-Strategie aufbauen (leider verbietet es meine derzeitige
Anstellung, diese auch zu nennen :-) ). Mit anderen Worten: Das
WWW ist tot, und immer mehr User gehen in ihrer Kommunikation dazu
über, Non-Web-basierte Software zu nutzen. Die meisten chatten
nicht mehr über eine WWW-Seite, sondern über Instant Messengers
oder mIRC. Wir empfangen unsere Emails oder unterhalten uns in
Newsgroups mit Software, die unabhängig vom WWW läuft. Gebt dem
User also einen guten Grund, Eure Homepage zu nutzen: Loyalität
oder Kommunikation.
Gedankenleere
Visionen vom Instant Cash
An
all dem ist die verdammte Geldgier schuld! Die Investoren sind vor
der IT-Blase zurückgeschreckt, von deren Platzen alle so laut
gewarnt haben, bis sie schließlich tatsächlich platzte. Und das
geschah aus gutem Grund, denn es gab eine Masse Daniel Düsentriebs,
die wortgewandt waren, einen Business-Plan nach dem anderen
vorlegten und mit nur 2 oder 25 Millionen eine Menge zu bewegen
versprachen. Die bekamen sie auch. Zack! Die Daniel Düsentriebs
machten sich daran, die Millionen zu verbrauchen. Und dabei waren
sie nicht sonderlich diszipliniert – sie waren faul, ja das
waren sie – so dass sie nur 60% ihrer Arbeit zu Ende brachten.
Dann mussten sie hin zum Investor und nach mehr Geld fragen. Das
bekamen sie, denn alle waren ja so hysterisch und berauscht, dass
keiner daran dachte, den Business-Plan zu justieren. Gerade, als
alle glaubten, dass sie so richtig viel Geld verdienen würden,
fanden sie heraus, dass der Bizz-Plan nicht hielt. Und so entstand
die neue Gesellschaftsschicht der Dotcom-Opfer. Der Gewinn oder
die Einkünfte, die sie sich selbst in Aussicht gestellt hatten,
konnten längst nicht das Geld aufwiegen, das in das entsprechende
Projekt gepumpt worden war. In vielen Fällen kamen irgendwelche
Dienste heraus, die einfach Geld einbringen sollten. Die Leute
richteten ihre eigenen webbasierten Emails und Kalender ein,
legten ihre Fotoalben ins Netz – und all das war gut für die
Initiatoren, jedenfalls so lange, bis die Seite an die Börse
gehen sollte. Denn je mehr User, desto mehr war die Seite wert –
auch wenn die meisten registrierten User gar keine User waren, die
wiederkamen. Die User-Frequenz war also niedrig, aber die
Datenbank kosmetisch gefüllt. Nach dem Börsengang, der häufig
ein Ziel in sich selbst war, geschah plötzlich nichts mehr: keine
Seitenpflege, keine Dynamik, keine Persönlichkeit und womöglich
nicht einmal visionäre Eigentümer. So gingen alle die Dienste
allmählich in einen schnellen Verfall über. Die Emails, Bilder
oder Telefonverzeichnisse der Leute waren von heute auf morgen gelöscht
oder funktionierten nicht mehr. Das Ziel war ja eben nicht die
Gemeinschaft der User oder deren Kommunikation.
A
stopped clock shows the right time twice a day
Die
User vertrauen dem WWW nicht mehr. Sie wissen, dass es ein
Blendwerk ist, das nicht sie zur Mission hat. Die User ziehen ihre
Schlüsse und kehren zu den einfachen, echten und exotischen
Werkzeugen in ihrem Identitätsaufbau und in ihrer Begegnung mit
anderen Menschen, in ihrer Kommunikation über Software oder
Hardware, zurück. Und das kann ich gut verstehen. Es sitzen viel
zu viele furchtsame, untaugliche Brand Managers, Country Managers
und Geschäftsführungen dort draußen, die keinerlei Ahnung von
den Bedürfnissen der User haben. Die Entscheidungsträger wollen
in ihrer Karriere weiterkommen und sind deshalb nicht an den
langfristigen Planungen jener Inhalte interessiert, die ein
gemeinschaftsstiftendes WWW unterstützen könnten. Sie wagen es
einfach nicht, können die Lage nicht überschauen, springen auf
den Buzz-Word-Wagen und reden über die neuesten Trends und werden
unweigerlich in die gleichen Fallen tappen wie ihre Vorgänger in
den neunziger Jahren. Kein Wunder, dass SMS solch ein
Kommunikations-Hit geworden ist: Es verbindet die Leute. Das Geschäft
für die Telefon-Gesellschaften läuft gut, und im Versuch, noch
mehr Geld rauszuholen, wird leider auch die Zeit kommen, in der
wir alle versuchen werden, Fernsehen auf unseren Mobiltelefonen zu
sehen – natürlich erst, wenn wir uns zuvor dafür registriert
haben. Und damit stehen wir am Anfang der selben qualitativen und
ökonomischen Krise, weil niemand das Zeug dafür hat, in
einmalige Inhalte zu investieren, die einmalige Gemeinschaften in
den digitalen Medien stiften oder die sich mit der Frage an den
User wenden, was das Medium für ihn tun kann – und nicht, was
der User für die Medien tun kann und für den Direktor, der
gerade „dieses merkwürdige Email-Dingsda“ in seinem Eckbüro
installiert bekommen hat.
Wettbewerb
Gewinnen
Sie eine lange Nase: Welches Portal wird in 200 Jahren existieren
und als Autorität gelten, wie es heute die führenden, seriösen
Tageszeitungen in den Printmedien sind?
Jesper 69 Green ist
Schriftsteller und hat bislang zehn Romane, Gedichtbände und
Fachbücher veröffentlicht, in denen er sich der
Informationsgesellschaft, dem Cyberpunk und den Jugendtendenzen in
Gegenwart und Zukunft gewidmet hat. Ferner ist er Head-of-Content
beim Kommunikationsunternehmen Neo Ideo.
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