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CLAUS M. SMIDT
PORTRAIT C.F. HANSEN: DER "RÖMER" DES DÄNISCHEN
KLASSIZISMUS
Am 27. Juni 1824 verließ Oberbaudirektor Prof. Christian Frederik Hansen seine Kopenhagener Wohnung im Prinzenpalais, um in seiner privaten Karosse eine Reise nach Deutschland anzutreten. Teils handelte es sich um eine im Zeitgeist liegende Rund- und Badereise, teils um eine Reihe von Visiten bei einigen der berühmtesten deutschen Architekten und Künstlern. Der Architekt Karl Friedrich Schinkel, der Bildhauer Christian Rauch, der Architekt H. C. Jussow, der Bildhauer Heinrich Dannecker und der Kupferstecher Johan Gotthart v. Müller erhielten auf Hansens Reise ihre Ernennungsdiplome zu Ehrenmitgliedern der Kgl. Dänischen Kunstakademie, der C. F. Hansen als Direktor vorstand. Hansen besuchte aber auch eine Reihe anderer bekannter Architekten und Künstler wie Leo v. Klenze, Friedrich Weinbrenner, Friedrich v. Gärtner, Georg Moller, Vogel v. Vogelstein und Wilhelm v. Schadow. Am 10. Dezember desselben Jahres kehrte Hansen, nachdem er weite Teile Deutschlands bereist hatte, nach Kopenhagen zurück.
Zu dieser Zeit befand sich C. F. Hansen auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Geboren am 29. Februar 1756 in Kopenhagen als Sohn eine ärmlichen Schuhmacher-Familie, hatte er sein Leben zu einem Abenteuer gestaltet. Ihrem dritten Sohn, Christian Frederik, trauten die Eltern nicht so viel zu wie seinen Brüdern, so dass die Familie froh war, ihn in einer Maurerlehre untergebracht zu haben. Parallel hierzu erhielt er in recht jungem Alter die Möglichkeit, die Architektur-Lesungen an der Kunstakademie mitzuverfolgen. Hier landete der junge Mann richtig: 1779 erhielt er die höchste Auszeichnung, die ein Student an der Kopenhagener Akademie erlangen kann - die Große Goldmedaille. Im darauffolgenden Jahr nahm er seine Stellung im öffentlichen Dienst als Harsdorffs Bauleiter bei der Errichtung von Frederik V. Kapelle beim Dom zu Roskilde auf.
1782 bis 1784 erhielt Hansen die Gelegenheit, die obligatorische Studienreise gen Süden durchzuführen. Hier war es, dass der Hamburger Domherr F. J. L. Meyer ihm begegnete und anmerkte: "Mit Hansen traf ich in Rom zusammen, und fand ihn dort in der Künstlerrepublik als den ersten unter den Architekten geachtet, die damals in Rom studirten". Der Aufenthalt in Rom war für Hansens künftiges Schaffen von entscheidender Bedeutung. Hansen wurden zum "Römer" des nordeuropäischen Klassizismus. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich in gleicher Weise von der modernen französischen und britischen Architektur oder auch - auf der selben Reise - von Andrea Palladios Baukunst des 16. Jahrhunderts inspirieren zu lassen.
Nach Kopenhagen zurückgekehrt, wurde Hansen 1785 an der Akademie aufgenommen. Im selben Jahr trat er sein Amt als Landbaumeister in Holstein mit Wohnsitz in Altona an. Man muss sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die Kaufstadt Altona zu jener Zeit unter der dänischen Krone stand. Hansen sollte dieses Amt bis 1844 innehaben. An öffentlichen Aufgaben in Holstein sollte er nur vergleichsweise wenige lösen: An dieser Stelle sei das Waisenhaus in Altona erwähnt, erbaut in der Königsstraße in den Jahren 1792-1794, jedoch leider während des Bombardements im Zweiten Weltkrieg zerstört. Von gleichwohl größerer Bedeutung war, dass es Hansen gelang, sich schon bald als gefragter privatpraktizierender Architekt in Altona und Umgebung zu etablieren. Mit einer Reihe von Villen wie das Landhaus J. C. Godeffroy, Elbchaussee, Dockenhuden 1789, mit dem Landhaus Blacker (heute Gosslerhaus), Blankenese 1794-95, dem Landhaus J. H. Baur, Nienstedten 1804-06 sowie dem Landhaus Gebauer, Philosophenweg, Othmarschen 1806, gelang es Hansen, zum bevorzugten Baumeister der Hamburger Kaufleute zu avancieren. Mit dem Finger am künstlerischen Puls seiner Zeit, verstand er es, ein originales klassizistisches Profil zu schaffen, das Schinkel in einem Brief als "eine neue und vortreffliche Richtung in der Kunst" bezeichnete. Hansen feierte auch mit den Stadthäusern Triumph, die er ab Mitte der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts an der neuangelegten Palmaille in Altona errichtete. Beispiele sind das stattliche G. F. Baur-Haus, Nr. 49, 1801-05, ein regelrechter florentinischer Palast, sowie Hansens eigenes Haus, Nr. 116. 1803-04, ein kleines, delikates Bauwerk mit norditalienischen, manieristischen Zügen.
Trotz der offensichtlichen Qualitäten von Hansens holsteinischer Architektur kann kaum in Zweifel gezogen werden, dass es insbesondere zwei Umständen zu verdanken ist, dass sein Werk zur europäischen Meisterklasse gehört: Zunächst sind die beiden Kopenhagener Großbrände - der Brand von Schloss Christiansborg 1794 und der Stadtbrand 1795 - zu nennen, die ihm zu seinen größten Bauaufträgen verholfen haben. Hinzu kommt, dass der von Hansen bewunderte Lehrer, C. F. Harsdorff, 1799 verstarb. Als der König im darauffolgenden Jahr anwies, Schloss und Rathaus neu zu erreichten, umging man Harsdorffs Nachfolger und bat stattdessen den Kometen aus Altona, in die Hauptstadt zu kommen und sich der Aufgabe anzunehmen. Die Konsequenz war, dass Hansen unter Verwendung der alten Barockkarree-Mauern von 1803 bis 1833 ein neues, klassizistisches Schloss errichtete. Die Stilmittel waren einfach: Unter anderem ließ Hansen jedes zweite Fenster aus und verlieh damit dem großen Baukörper Ruhe und Harmonie. Der vierte Flügel des Schlosses, hinaus zur Reitbahn, baute er nicht wieder auf, wodurch das Schloss ein modernes Gebäude ohne Turm wurde. Stattdessen errichtete er eine Kolonnade, die Schlosshof und Reitbahn vereinte. Das Innere wurde im üppigen Empirestil eingerichtet. Der absolute Höhepunkt von Christiansborg wurde die Schlosskirche, die im römischen Stil mit einem Säulenperistyl hinaus zum Schlossplatz wiedererrichtet wurde. Trotz der langgestreckten Form des Gebäudes glückte es Hansen, im Inneren eine beinahe quadratische Kirche unter einer kupfergedeckten Kuppel zu schaffen. Die Schlosskirche gilt heute als eines der Hauptwerke der europäischen Baukunst. Das Schloss selbst brannte leider im Jahr 1884 ab.
Auf dem Nytorv, in einem der ältesten Teile der Stadt gelegen, wurde 1803-16 das Rathaus und Stadtgericht mit zugehörigem Gefängnis erbaut. Auf einem abschüssigen Grund ist es Hansen hier gelungen, ein kompliziertes, aber imposantes Bauwerk mit einem auf Säulen ruhenden Frontispiz, der zum Nytorv und Gammeltorv hin das Ensemble vereint, zu bauen. In der dichtgedrängten Stadt mit den gekrümmten Straßen gelang es Hansen, zu demonstrieren, was er in seinen Studienjahren in Italien gelernt hatte. In der Slutterigade findet man eine echte römische Gefängnisphantasie und an jedem der beiden Enden zwei venezianische "Seufzerbrücken". Zum Marktplatz hin hat der Meister es verstanden, aus der palladianischen Architektur zu schöpfen, die würdig unter dem Giebelfronton erzählt: "Med Lov skal man land bygge" (Mit dem Gesetz soll man das Land erbauen).
Noch war Hansens Zeit nicht vorüber. 1807 fiel Kopenhagen dem britischen Bombardement zum Opfer. Zu den Hauptverlusten zählte die Hauptkirche der Stadt, Vor Frue, und deren Umgebung. Nach diesem Ereignis wurde Hansen zum Oberbaudirektor und Professor für Architektur an der Kunstakademie ernannt. In den Jahren von 1810 bis 1827 ließ er die Kirche wiedererrichten, erneut unter der Verwendung alter Gemäuer. Das Resultat war ein moderner, klassizistischer Tempel, bei dem sich er Architekt - sehr gegen seinen Willen - dazu entschließen musste, einen Turm anzufügen. Dieser Turm wurde jedoch schön ein einzigartig für seine Zeit. Das Innere wurde teilweise nach der alten dreischiffigen Form der Kirche eingerichtet, wobei Hansen jedoch das mittlere Schiff mit einem Tonnengewölbe überdachte. Nicht zuletzt wurde die Apsis der Kirche nach römischem Vorbild als halbkreisförmiges Pantheon geformt. Rund um die Kirche erhielt Hansen die Gelegenheit, die alte Lateinschule der Stadt, die Metropolitanskole, in den Jahren 1810 bis 1816, sowie eine Stiftung (die heutige Soldins Stiftelse) in den Jahren 1812 bis 1816 zu bauen. Beide Gebäude tragen dazu bei, dem östlichen Ende der Kirche eine passende und schöne Umgebung zu schaffen.
Als C. F. Hansen am 10. Juli 1845 seine Augen schloss, wurde der Greis als Relikt einer verschwundenen Zeit angesehen. Seine Nachkommen haben aber längst bemerkt, dass Hansen zu den größten Namen der Architektur zählt, der heute in Kopenhagen wie in Hamburg eine gleichgroße Anerkennung genießt.
Claus M. Smidt ist
Kunsthistoriker (mag.art.) und leitet die
Architekturzeichnungssammlung in der Bibliothek der Kunstakademie in
Kopenhagen.
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