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TEIT WEYLANDT
PORTRAIT ARNE JACOBSEN: ARCHITEKT, DESIGNER, IKONE
2002 jährt sich Arne Jacobsens Geburtstag zum hundertsten mal. Dieses Jubiläum wird in Dänemark wie im Ausland mit einer Reihe von Veranstaltungen begangen. Jacobsen, der 1971 - förmlich mitten bei der Arbeit - mit 69 Jahren verstarb, gelang es nicht mehr, die letzten seiner Arbeiten im fertigen Zustand zu betrachten: Die dänische Botschaft in London, die dänische Nationalbank in Kopenhagen, die Zentralbank in Kuwait sowie das Rathaus in Mainz.
Dennoch hinterließ Jacobsen ein Lebenswerk, das ihm einen herausragenden Platz in der internationalen Architekturgeschichte sichert und das ihm zu einen der wenigen Dänen macht, die weltweit einem größeren Kreis bekannt ist.
Der Architekt Jacobsen
Nur ein Jahr nach dem Abschluss seiner Architekturausbildung an der Kgl. Dänischen Kunstakademie, gewann der gerade erst 26-jährige Jacobsen er die Goldmedaille für ein Museumsprojekt. Wiederum ein Jahr später präsentierte er der erstaunten Öffentlichkeit auf einer Bauausstellung in Kopenhagen mit dem Projekt "Fremtidens Hus" (Haus der Zukunft) - eine futuristische Vision, wie die neue Technologie die Formgebung der modernen Architektur beeinflussen könne. "Fremtidens Hus" war mit einer Motorbootzufahrt im Untergeschoss, einer Garage im Erdgeschoss und einem Helikopterlandeplatz auf dem Dach ausgestattet. Damit war das Projekt die erste dänische Manifestation des internationalen Funktionalismus, und das Gebäude, das auf der Ausstellung in voller Größe errichtet wurde, entwickelte in seinem Aufbau auf einfache geometrische Figuren bereits die Formsprache, die später für Jacobsen charakteristisch werden sollte.
Arne Jacobsen hat im großen Umfang produziert, und es gibt praktisch keinen Bereich, in dem er nicht tätig gewesen ist. Seine Produktion erstreckt sich von Arbeiten mit verschiedenen Strandbädern, Theatern, Sportanlagen und Sporthallen über Schulen und Kindergärten, Hotels, Zentralbanken und Rathäusern bis hin zu Verwaltungsgebäuden, Fabriken und Laboratorien, Wohnungen, Reihenhausanlagen und Einfamilienhäusern. Alles gestaltet mit Sorgsamkeit und Respekt vor der guten Lösung, häufig mit Innovationen, die das Fach geprägt haben.
Der Designer Jacobsen
Für Jacobsen war die Gesamtheit das Ziel. Als Architekt wollte er das Projekt bis zur letzten Konsequenz verfolgen - nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben. Um die Gesamtheit unter Kontrolle zu haben, musste er sich notwendigerweise auch mit den Details beschäftigen. Dies führte zu zahlreichen Designprodukten von so hoher Qualität, dass sie, obwohl für konkrete Bauaufträge entwickelt, in Serienproduktion gingen. Und nicht zuletzt dank dieser Produkte, von denen viele den Status internationaler Klassiker erlangt haben, rangiert Jacobsen heute so weit oben am internationalen Firmament. Eine besondere Phase stellt sein schwedisches Exil während des Zweiten Weltkriegs dar: In jener Zeit widmete er sich im besonderen Maße dem Tapeten- und Textildesign.
Jacobsen und die Öffentlichkeit
Jacobsen genoss in den rund 40 Jahren seines Wirkens tiefe Bewunderung. Was einen breiten Teil der Bevölkerung angeht, war er aber auch ein Hassbild des Architekten, der sich als Exponent für den arroganten und dominanten Geschmacksrichter aufspielte, der sich in das Rechte des Bürgers, seine eigenen Gardinen und Möbel auszuwählen, einmischte.
Jacobsen und das Ausland
Jacobsen ist einer der wenigen Architekten, der sich mit mehreren Bauaufträgen im Ausland, hierunter auch in den Alten Bundesländern, profiliert hat. Es können hier die alte HEW-Hauptverwaltung in Hamburg, das Rathaus in Mainz und der minimalistische Foyeranbau zum Theater im Barockgarten von Schloss Herrenhausen in Hannover genannt werden. Gebäude wie diese haben zu Jacobsens internationaler Bekanntheit beigetragen.
Jacobsen und das Internationale
Jacobsens Gebäude waren in den frühen Jahren von einer dänischen Nationalromantik geprägt. Schon bald orientierte er sich aber hin zum deutschen Bauhaus-Funktionalismus. Er verstand es zudem, verschiedene internationale Architekturströmungen aufzugreifen und sie in einer persönlich bearbeiteten Form weiterzugeben.
Es ist mal gesagt worden, Jacobsen sei international auf eine dänische Weise und dänisch auf eine internationale Weise.
Nach einer Zeit, insbesondere in den achtziger Jahren, in denen er in der herrschenden Architekturdebatte nicht mehr als aktuell galt, wurde Jacobsen vor gut zehn Jahren vom Ausland wiederentdeckt. Das neue Interesse spiegelt sich in einer Reihe von Buchherausgaben mit Monographien dänischer wie ausländischer Autoren wider.
Der volksnahe Jacobsen
Heute, rund dreißig Jahre nach seinem Tod, erinnern sich die Dänen und ein großer Teil der übrigen Welt sehr wohl an Arne Jacobsen. Die Presseresonanz in Verbindung mit seinem 100. Geburtstag hat unerwartete Ausmaße erreicht und es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht über die Person Jacobsen oder über ihre Arbeit lesen kann. Die Produzenten, die Jacobsen-Produkte in ihrem Programm führen, nutzen die Gunst der Stunde und bemühen sich darum, wieder alte Jacobsen-Produkte in Serie zu fertigen.
Der Mensch Jacobsen
Privat war Jacobsen ein bescheidener Mensch, geprägt durch einen gesunden Verstand und einer Genügsamkeit, die häufig bei gerade jenen Menschen anzutreffen ist, die selber die schwere internationale Krise der dreißiger Jahre und den darauffolgenden Krieg miterlebt haben. In seiner Arbeit war Jacobsen jedoch nicht zurückhaltend. Und obwohl seine Mitarbeiter oft bis auf das Äußerste gefordert wurden, wurde nicht am Einsatz gespart, um die richtige Lösung für einen jeden Auftrag zu finden.
Jacobsen verschmolz mit seinen Arbeiten. Die Arbeit erfüllte ihn und beherrschte den Alltag sowohl für ihn als auch für seine handvoll Mitarbeiter, die am Dialog teilnahmen, der für Jacobsen bei jeder Problemlösung so wichtig war. Er selber zeichnete nur sehr selten und benutzte stattdessen den Dialog als Methode zur Klärung und Lösung von Aufgaben. Unterschiedliche Meinungen waren hierbei stets willkommen, entweder um verworfen zu werden oder auch, um als brauchbarer Schritt hin zum Ziel bewertet zu werden.
Nicht alle lernten es, Jacobsens Eigenart zu akzeptieren. Und nicht alle waren deshalb auch in der Lage, Jacobsen das nötige Maß an Kooperation und Widerstand zu liefern. Viele verließen das Büro nach recht kurzer Zeit. Die anderen, die im täglichen Dialog bestanden, erlebten die Zeit mit Jacobsen hingegen als äußerst fruchtbar und für das Leben prägend.
Die Ikone Jacobsen
Im internationalen Zusammenhang hat Jacobsen nicht nur mit seinen Gebäuden, sondern auch mit seinen Möbeln, Leuchten, Uhren und Wasserhähnen für bleibende Werte gesorgt. Ein Menschenalter nach seinem Tode ist Jacobsen eine Ikone, ein Bild für das Beste, das im 20. Jahrhundert produziert worden ist.
Weitere Informationen zu Arne Jacobsen und den Aktivitäten zum Jubiläumsjahr finden Sie auf der Homepage
www.arne-jacobsen.com
Teit Weylandt ist Architekt
beim Architektenbüro Dissing + Weitling in Kopenhagen und früherer
Mitarbeiter von Arne Jacobsen.
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