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HANS MUNK HANSEN
PORTRAIT JØRN UTZON: DER NATUR ENTLEHNT


Jørn Utzon ist als Architekt einzigartig in der modernen dänischen Architektur. Der an der Architektenschule der Kunstakademie in Kopenhagen ausgebildete Utzon verbrachte seine Lehrjahre bei Alvar Aalto in Helsinki und Gunnar Asplund in Stockholm, bevor er 1950 sein eigenes Büro gründete. Er ist bis heute als Architekt tätig, zumeist in Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Jan und Kim sowie seiner Tochter Lin.

Schon früh erkannte man in Dänemark Utzons besondere Begabung. Umso mehr mag man sich darüber wundern, wie wenig Gebäude er in seinem Heimatland - und in Skandinavien insgesamt - gebaut hat. Dieser Umstand wird häufig damit erklärt, dass es am Mut und der Weitsicht gefehlt hat, Utzon größere Aufträge anzuvertrauen. Außerdem herrschte unter vielen potentiellen Bauherren die Ansicht, dass Utzon der Architektur zwar neue Einflüsse und Kraft verlieh, sich aber nicht hinreichend den funktionalen und technischen Anforderungen stellte. In Utzons Fall ist nichts verkehrter als diese Aussage. In seinem Büro wurde unter anderem an der Entwicklung rationeller Bausysteme, mit Details bis hin zur kleinsten Schraube, und mit der Erforschung der technischen und ästhetischen Eigenschaften von Baumaterialien gearbeitet.

Um Utzons größere Werke erleben zu können, muss man - dieser Fehleinschätzung geschuldet - weit reisen: Nach Australien, Kuwait oder in den Iran. Doch diese Reise lohnt sich!

Ganz egal, wo in der Welt Utzon baut, gibt es eine klare Linie und eine deutliche Kontinuität in seinem Werk. Seine primäre Quelle der Inspiration ist die Natur. In Pflanzen und Bäumen findet Utzon eine Logik und eine Schönheit, die sein Leitfaden bei der Entwicklung organischer Bausysteme geworden ist. Diese bilden die Grundlage beinahe aller seiner Projekte. Auch sein Erleben des Lichts und des Raumempfindens in einem Buchenwald oder der dramatischen Formenwelt der Wolkenformationen erlangte in seiner Kunst eine besondere Bedeutung.

Jørn Utzon erlebte seinen internationalen Durchbruch im Jahre 1957, als er den Ersten Preis in einem Internationalen Architekturwettbewerb zum Bau des Opernhauses in Sydney gewann. Auf einer kleinen Halbinsel, die in den Hafen hinausragt, errichtete er ein leuchtendes, skulpturelles Bauwerk aus großen, fliesenbedeckten Betonschalen, die an gespannte Segel erinnern. Diese weilen auf einer bastionsartigen Plattform, die man über eine breite, monumentale Treppe erreicht. Heute ist die Oper der Stolz Australiens, obwohl die Bauarbeiten nicht harmonisch verliefen. Politische Intrigen machten es Utzon unmöglich, die Inneneinrichtung zu vollenden.

Ein anderes großes Bauwerk aus Utzons Feder ist das Parlament in Kuwait, ebenfalls infolge eines internationalen Wettbewerbs in den Jahren 1972 bis 1983 erbaut. Hier kommen unter anderem Utzons tiefgehende Auseinandersetzung mit der islamischen Baukultur zur Entfaltung. Bereits als junger Architekt hatte Utzon eine Zeit lang in Marokko gelebt und gearbeitet. Später lernte er auch den Iran, namentlich Isfahan, kennen. Das Parlament ist als orientalische Stadt angelegt mit Bauten, die sich zu einem Innenhof hin öffnen und durch schmale Gassen miteinander verbunden sind. Der Baukörper wird durch eine hohe, basarartige Hauptstraße durchschnitten, die außerhalb der "Stadtmauer" durch eine monumentale Kolonnade, die ein hängendes, zeltartiges Dach trägt, abgeschlossen wird.

Bereits vor dem Kuwait-Projekt hatte Utzon ein wichtiges Projekt in der Region ausgeführt: eine Filiale der iranischen Nationalbank bei der Universität in Teheran. Auch bei diesem Gebäude ließ sich Utzon durch den traditionellen Basar inspirieren. In der mit verschobenen Betonschalen überdachten Schalterhalle kann man die Stimmung großer Karawanenserails atmen.

Unter Utzons Werken in Dänemark kann die Kirche in Bagsværd bei Kopenhagen (1973-76) hervorgehoben werden. Hier hat Utzon mit dem Überdachungssystem aus Teheran gearbeitet und seinen Betonschalen eine noch stärkere skulpturelle Form verliehen. Ferner hat er durch die souveräne Beherrschung des Tageslichts einen Raum von seltener Schönheit geschaffen.

Auch "Paustians Möbelhaus" in Kopenhagen gehört zu Utzons wichtigen Bauwerken. Die Ausstellungshalle ist aus einem System vorgefertigter Säulen und Balken, die das Dach, die umrahmenden Galerien und die Treppen tragen, gefertigt worden. Und wieder einmal ist der Raum von einem wundervollen Tageslicht durchströmt. Die modernen Möbel, die hier ausgestellt werden, kommen zu ihrem vollen Recht.

Darüber hinaus hat sich Utzon aber sein ganzes Leben lang in seinem Wirken als Architekt für das Wohnhaus interessiert. So begann er seine Laufbahn mit dem Bau seines eigenen Hauses in Hellebæk, und das jüngste Gebäude aus seiner Hand ist ein weiteres mal ein Haus für ihn selbst - dieses mal in Spanien.

Abschließend eine Aussage von Jørn Utzon selbst, die einiges über seinen eigenen Ausgangspunkt verrät: "Das Wesen der Architektur kann in der Natur mit dem Keim verglichen werden, und einiges von der Selbstverständlichkeit, die im Wachstumsprinzip der Natur liegt, sollte auch als tragende Idee in unserer Arbeit dienen."

Hans Munk Hansen ist Professor an der Architektenschule der Kunstakademie Kopenhagen und selbständiger Architekt. Er war Mitarbeiter von Jørn Utzon, u. a. bei den Projekten in Teheran und Kuwait.


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