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HENRIK STÆHR
BAUEN IN DER ZUKUNFT (1): DÄNISCHE WERTE FÜR DEN DEUTSCHEN MARKT


Das Architekturbüro C.F.Möller konnte im Jahre 1999 sein 75. Jubiläum feiern. Mit seinem Hauptsitz in Aarhus, Dänemark zählt das Büro insgesamt ca. 230 Mitarbeiter. Weitere Büros befinden sich in Kopenhagen, Vejle, Aalborg, Oslo, Norwegen, und seit 1993 ist das Büro mit Domizil in Berlin auch in Deutschland bundesweit tätig.

Das Architekturbüro C.F. Möller prägt den Gewerbe- und Industriebau seit über 75 Jahren in Dänemark und es ist einleuchtend, den Versuch zu unternehmen, auch für den deutschen Markt ein Bild der Zukunft zu entwerfen, das sowohl von neuen Definitionen des Begriffs "Qualität" als auch den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen ausgeht:

Seit der Mensch im Stande ist sich durch eigene bauliche Tätigkeiten vor Regen und Kälte zu schützen, ist Architektur als Begriff und Tatsache unser fast allgegenwärtiger Begleiter durch das Leben - eine Vielfalt architektonischer Aussagen und Manifestationen entsprungen von kulturellen, religiösen, politischen und ökonomischen Möglichkeiten und Zielsetzungen einer Gesellschaft.

Die Kriterien dafür, was als architektonische Qualität gilt, ändern sich ständig - und ein Missverständnis ist es sicherlich zu behaupten, dass "gute" Architektur sich ausschließlich durch schöne Proportionen und Farben definiert.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends scheint die Gesellschaft auf große Veränderungen eingestellt zu sein. In der Bauforschung macht sich ein wachsendes Verlangen nach einer Diskussion und Definition von "Lebensqualität" bemerkbar. Man möchte in steigendem Maße die Rolle des Einzelnen in einer größeren Gemeinschaft definiert haben: Ein Teil der Debatte ist von den Fragen über die Grenzen und Horizonte sowie die Pflichten und Rechte des einzelnen Menschen geprägt - eine Debatte, die nicht nur in den Medien, sondern auch in akademischen und politischen Kreisen im Gange ist. Lebensqualität scheint nicht mehr durch materielle Vorteile definiert zu sein, sondern beinhaltet nun auch abstrakte Begriffe wie Gefühle, Intuition und Perzeption und menschliche Beziehungen. Auch das Verhältnis des Menschen zu der Natur und der Erde ist ins Blickfeld gerückt worden, und ein neuer Lebensstil ist im Werden.

Die Welt ist größer und gleichzeitig kleiner geworden - kein Ort ist weiter weg, als dass er mit der Informationstechnologie erreicht werden kann - eine Entwicklung, die dabei ist, die traditionellen Vorstellung von unserem Alltag auf den Kopf zu stellen. Die Öffentlichkeit zeigt ständig mehr Interesse für die Architektur, die ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität ist.

Die dänischen Bautraditionen sind seit Jahren Gegenstand eines demokratischen Prozesses, in dem die Benutzer zentral plazierte Akteure bei der Gestaltung ihrer Umgebung sind. Neu ist jedoch, dass der Begriff "architektonische Qualität" zum Gegenstand der politischen Debatte geworden ist, in der gefordert wird, dass das Bauwerk Objekt eines ständig breiter werdenden Konsenses sein soll. 

Die Behörden, wie zum Beispiel das Wohnungsbauministerium und das Kulturministerium, haben die Vorlage für eine Architekturpolitik gegeben, die der Gesetzgebung als Grundlage dienen soll.

Heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends bewegt sich die westliche Welt anscheinend von einem Verlangen nach Quantität auf einen ausgeprägten Bedarf an Qualität zu.

Diese Verlagerung bezieht sich nicht zuletzt auf die Arbeit und die Produktion und damit auch auf den Bedarf an Industriegebäuden. Das steigende Verlangen nach einer Definition des Begriffs "Qualität am Arbeitsplatz" wird stets stärker und bildet den übergeordneten Veränderungsmechanismus, der den Rahmen für strukturelle und spezifische Änderungen des Wirtschaftslebens abgibt.

Genauso wie die zunehmende Industrialisierung der letzten 150 Jahre eine ganz neue Typologie von Bauten hervorbrachte, so wird die Jahrtausendwende den Rahmen für Produktion und Wirtschaft großen Veränderungen unterziehen.

Die wichtigsten Elemente dieser Veränderung ergeben sich aus der Automatisierung und der Hochtechnologie, dem Demokratisierungsprozess, dem steigenden Umweltbewusstsein und der Informationstechnologie.

Es ist nicht vorauszusehen, ob die Automatisierung - die größere Anforderungen an die Gewerbebauten mit umfassenden technologischen Anlagen stellt - in der Tat die bisherigen Unterschiede verschiedener Typologien ausgleichen und einen Bedarf an großen flexiblen "Kästen" für vielfältige Zwecke schaffen wird.

Die Informations- und EDV-Technologie wird erst recht neue und freiere Ausdrucksformen und räumliche Definitionen herbeiführen, jetzt, wo der Mensch häufig die Kontrollfunktion in der Produktionskette hat. Der Bedarf, die Besonderheiten und die Individualität des Unternehmens zu manifestieren, wird somit auf andere Formen des architektonischen Ausdrucks verlagert, die in steigendem Maße das Gesicht der Firma nach außen hin sein wird. Die Lage, die Umgebung und die Ausrichtung im Verhältnis dazu sind heute somit von entscheidender Bedeutung.

Die räumlichen Kriterien für diese Bauten lassen einen Bedarf an interkommunikativen Sphären entstehen, das heißt Räumen, wo sich Menschen spontan treffen, wo die Kommunikationslinien zwischen den einzelnen Abteilungen leicht und natürlich sind, wo die Identifikation der übergeordneten Disposition eindeutig und klar ist und wo die hierarchische Struktur der Arbeitsrollen durch gleichwertige Sphären in logischen und demokratischen Kontexten ersetzt werden.

Das Gegengewicht dieses Trends zur vermehrten Nutzung gemeinschaftlicher Flächen ist die Reduktion des "Verbrauchs von privatem Arbeitsplatz" des einzelnen Mitarbeiters. Der papierlose Arbeitsplatz zieht in die Unternehmen ein und gleicht den steigenden Bedarf an kollektiven Räumen für gemeinschaftliche Nutzung aus.

Änderungen der Arbeitsabläufe des einzelnen Mitarbeiters sind auch dabei, die Einrichtung und die Gestaltung des traditionellen Arbeitsplatzes im Verhältnis zu dem Lichteinfall zu revolutionieren. Wegen der vielen EDV-Anlagen müssen die Einrichtungen viel flexibler sein, das heißt die Räumlichkeiten müssen Platz zum Lesen, für Gespräche und für Bildschirmarbeit bieten, und Licht und Fassaden müssen sich den Bedürfnissen der verschiedenen Arbeitsabläufe anpassen können.

Der Bedarf an einem "eigenen Platz" wird zum Gegenstand der Diskussion in der Zukunft werden und wird folglich neue räumliche Definitionen hervorbringen, die dem Trend entsprechen, den PC als den einzigen noch übrig gebliebenen Gegenstand in der privaten Sphäre zu betrachten.

Wir sehen somit einen allgemeinen Trend in dem Abbau der Hierarchien zugunsten größerer Zusammenhänge in der Projekt- und Gruppenarbeit.

Die Diskussion über Lebensqualität am Arbeitsplatz beeinflusst auch die traditionelle Auffassung vom Raumklima mit sämtlichen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. D.h. Verwendung einfacher und haltbarer Materialien, natürliche Belüftung, andere Deckenhöhen u.a.m.. Es werden in dieser Hinsicht viele Überlegungen angestellt, und mit einzelnen Bauten werden neue Lösungen erprobt.

Die technologische Entwicklung in bezug auf die Verwendung von Glas als Wetterschutz wird in Gang kommen. Das bedeutet, dass Glas genau wie andere Wetterschutzvorrichtungen als eine energiesparende Einrichtung eingesetzt werden kann. Dies eröffnet unzählige Möglichkeiten, Einrichtungen anders und eindrucksvoller zu gestalten. Auch Pflanzen könnten in das Milieu eingehen und zu einem besseren Raumklima beitragen.

Im ökologischen Bereich werden große Änderungen zu verzeichnen sein. Dies führt nicht notwendigerweise direkt zu neuen Typen von Bauten, aber die Entwicklung ist wichtig, weil sie vor allem Ausdruck einer neuen Haltungen ist, die langsam die Methodik in bezug auf den Ressourcenverbrauch für die Bauten im Verhältnis zu der Natur, der Stadt und dem Klima ändert - d.h. eine vermehrte Verwendung umweltfreundlicher Materialien. Nicht nur heute, sondern auch insbesondere in der Zukunftsperspektive gesehen.

Henrik Stæhr ist Architekt im Berliner Büro von C. F. Möller.


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