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CHRISTOPH BARTMANN
KOMMENTAR: STELL DIR VOR, ES IST RATSPRÄSIDENTSCHAFT


„Stell dir vor, es ist Ratspräsidentschaft und keiner geht hin“, so etwa könnte man die Stimmung in den dänischen Frühsommertagen beschreiben. Und wer wollte es den Dänen verübeln? Gab es in den Tagen der Übernahme des Vorsitzes nicht Wichtigeres als ausgerechnet die formandskab? Die Fußball-WM hielt die Nation in Atem, so lange zumindest, wie Dänemark im Turnier war. Wenn jetzt noch die Abiturienten gefeiert haben, kehrt Ruhe ein. Es sind Ferien in Dänemark, die Politik hat Pause.

Aber das täuscht. Wirft man einen Blick auf die übervolle Agenda der dänischen Ratspräsidentschaft, dann sieht man, dass Europa keine Sommerpause kennt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in Brüssel, Kopenhagen und anderswo die Minister konferieren, die Kommissare beratschlagen oder wenigstens die Spitzenbeamten frühstücken. Man muss kein Däne sein, um sich für die Ergebnisse all dieser Gespräche, Sitzungen und Konferenzen nicht besonders zu interessieren. Auch anderswo löst eine EU-Ratspräsidentschaft keine Volksfeststimmung aus. Trotzdem: Müsste es uns als ‚europäische Staatsbürger’ nicht mehr interessieren, was da verhandelt wird? Und wenn es uns nicht interessiert: Ist daran die EU-Kommission schuld, oder sind wir es selbst? Gilt nicht auch, was unsere Kenntnis der EU betrifft, das Subsidiaritätsprinzip? Anders gesagt: Müssten wir nicht versuchen, uns selbst ein wenig zu informieren, ehe wir das Brüsseler Informationsdefizit beklagen?

Das ist leichter gesagt als getan. Wer wollte angesichts der trockenen EU-Materie politische Leidenschaft entwickeln? Wie viel bunter und emotionaler geht es da auf der Seite der Europa-Gegner zu, in Dänemark und anderswo. Wer heute auf nationale Souveränität pocht, darf sich fühlen wie Asterix im Kampf gegen die Römer. Auch in der politischen Mitte hat man den Charme des Nationalen wiederentdeckt. Dem Wahlvolk zuliebe müssen manche Politiker aus ihrer pro-europäischen Haltung ein Geheimnis machen.

In Dänemark hält sich die Europa-Begeisterung traditionell in noch engeren Grenzen als anderswo. Als Außenstehender ist man manchmal überrascht, welche Bedeutung hierzulande Dänemark der Pflege des ‚Eigenen’ zukommt. Was ist nicht alles dansk oder sogar gammel dansk in Dänemark, angefangen mit dem danskvand (Mineralwasser) bis hin zu den danske værdier, den dänischen Werten – vom allgegenwärtigen Zahlungsmittel namens dankort einmal ganz abgesehen. Warum sollte an dieser Betonung des Dänischen etwas verkehrt sein? Vielleicht ist sie ja einfach der Ausdruck einer langen und glücklichen Tradition der Eigenstaatlichkeit, die nun durch EU-Europa zwar nicht bedroht ist, sich aber doch herausgefordert sieht. Hat nicht das Nationale immer dann Konjunktur, wenn das Eigene bedroht scheint?

Übertrieben üppig werden die Festlichkeiten der dänischen Ratspräsidentschaft jedenfalls nicht ausfallen. Das schont nicht nur den Staatshaushalt, es nimmt auch den EU-Kritikern den Wind aus den Segeln. Aber wer weiß, vielleicht trägt das dänische Europa-Halbjahr doch dazu bei, dass auch manche EU-kritischen Bürger deutlicher sehen: Was in Brüssel und Kopenhagen, auf Arbeitsessen und Gipfeln verhandelt wird, ist ihre Sache. „Tua res agitur“, wie es auf alteuropäisch heißt. Noch sind wir weit entfernt davon, als europäische Bürger zu handeln und zu fühlen. Wenn die Bürger Europa aber nicht zu ihrer Sache machen, wird es noch lange die Sache der Experten bleiben.

Dr. Christoph Bartmann ist Leiter des Goethe-Instituts in Kopenhagen.


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