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TORSTEN BORRING OLESEN
HINTERGRUND: DÄNEMARK UND DIE EU – SKEPTIKER ODER
PRAGMATIKER?
Es ist wohlbekannt, dass es Dänemark und den Dänen in den
vergangenen zehn Jahren eher schwer gefallen ist, die EU als
Herzenssache an sich zu nehmen. Das dänische Europa-Dilemma ist
allerdings kein neues Phänomen. Es existiert seit genau so langer
Zeit wie der europäische Integrationsprozess selbst.
Deshalb ist es besonders interessant, einen genaueren Blick auf den
Zeitraum vor dem dänischen EG-Beitritt im Jahre 1973 zu werfen.
Damals hatte die EG bereits seit 15 Jahren existiert, doch bei der
Gründung im Jahre 1958 war es ausschließlich die liberale
Venstre-Partei, die daran Interesse zeigte, die Umstände einer
möglichen dänischen EG-Mitgliedschaft zu untersuchen. 1972 waren es
hingegen alle im Folketing vertretenen Parteien – mit Ausnahme der
Sozialistischen Volkspartei und einzelnen Abgeordneten der
Sozialdemokratischen Partei und der sozialliberalen Radikale Venstre
– die sich für eine Mitgliedschaft einsetzten. Wie bekannt ist,
gelang es in der anschließenden Volksabstimmung, eine stattliche
Mehrheit für die EG-Mitgliedschaft zu gewinnen.
Was war in diesen 15 Jahren geschehen?
4 Themen
Das dänische Verhältnis zur EG ist in der Zeit von 1957 bis 1972
durch vier Aspekte geprägt worden: die internationale Entwicklung,
politisch-ökonomische Vorteile, Ideologie und die dänische
Selbstauffassung bzw. Identität. Diese Aspekte spielen bis heute
eine wichtige Rolle. Dennoch gelang es in der Zeit von 1957 bis
1972, eine Entwicklung in Gang zu setzen, die zur Folge hatte, dass
eine dänische EG-Mitgliedschaft 1972 wesentlich einladender erschien
als 1957.
Was die internationale Entwicklung angeht, ist es in erster Linie
die Entwicklung der EG selbst, die interessant erscheint. 1957 war
es noch unsicher, wie sich die EG-Zusammenarbeit entwickeln würde.
1972 konnte man auf eine Zeit zurück blicken, in der die
Zusammenarbeit in der einen und der anderen Krise gesteckt hatte.
Andererseits war es geglückt, verschiedene Vorhaben zu realisieren –
die EG-Zollunion sogar schneller als geplant. Außerdem konnte sich
die EG als Westeuropas politisch-ökonomisches Zentrum behaupten.
Dies war auch eine der Hauptursachen dafür, dass sich Großbritannien
nun – ganz anders als noch 1957 – für eine Mitgliedschaft
interessierte. Träte Großbritannien ein, fiele es auch Dänemark
politisch leichter, eine Mitgliedschaft zu akzeptieren, denn es hieß,
Großbritannien teile den Wunsch Dänemarks, sich nicht zu tief an der
EG-Zusammenarbeit zu beteiligen.
Erhöhte eine Aufnahme Großbritanniens in die EG die politische
Anziehungskraft einer dänischen Mitgliedschaft, dann galt das in
noch höherem Maße für die ökonomische Anziehungskraft. Seit Gründung
der EG war Dänemark in einer ungünstigen außenpolitischen Situation
gefangen: Die beiden wichtigsten Exportmärkte, Großbritannien und
die Bundesrepublik Deutschland, hatten sich auf je ihrer Seite der
EG-Zollmauer postiert. Träte Großbritannien ein, sprächen gewichtige
wirtschaftliche Argumente dafür, dass Dänemark das gleiche tun solle.
Mit der Entwicklung einer gemeinsamen Agrarpolitik (CAP) in den
sechziger Jahren wurde zugleich ein Rahmen geschaffen, der für ein
Land wie Dänemark mit einem großen, exportorientierten Agrarsektor
attraktiv wirken musste. Agrarprodukte waren nämlich nicht im
alternativen Marktblock, die EFTA, berücksichtigt, der sich Dänemark
1960 angeschlossen hatte.
Landwirtschaft entscheidend
Es waren nicht zuletzt die Vorteile einer gemeinsamen Agrarpolitik,
die unmittelbar nach der Gründung der EG dazu geführt haben, dass
sich die dänische Landwirtschaft für eine dänische Mitgliedschaft
engagierte – sei es mit oder ohne Großbritannien als EU-Mitglied.
Mit dieser Haltung standen die Landwirtschaft und die liberale
Venstre in den fünfziger Jahren allein auf weiter Flur –
insbesondere, weil die Industrie und die Gewerkschaftsbewegung der
dänischen Industrie nicht zutrauten, innerhalb der EG-Zollunion
wettbewerbsfähig zu sein. Sowohl die Umsätze als auch die
Beschäftigung, hieß es, seien in Gefahr.
1972 wurde dies bereits ganz anders gesehen: Die sechziger Jahre
brachten nämlich ein rasantes Wachstum für die dänische Industrie
mit sich. Außerdem gelang es dem Industrieexport erstmals, den Wert
der Agrarexporte zu überflügeln. Dies nährte in der Industrie die
Auffassung, dass die Wirtschaft nun dem EG-Wettbewerb gewachsen sei
und dass daher eine Mitgliedschaft von Vorteil sei – eine Haltung,
die mittlerweile auch von Teilen der Gewerkschaftsbewegung
unterstützt wurde.
Es herrscht wohl kaum Zweifel daran, dass es wirtschaftliche
Argumente wie diese waren, die im hohen Grad zum ”Ja” bei der
Volksabstimmung von 1972 beitrugen.
Skepsis gegenüber dem ”3 K-Club”
Auf der anderen Seite herrschte Furcht vor den politischen Folgen
einer Mitgliedschaft. Hier liegen die Gründe dafür, dass gut ein
Drittel der Stimmenabgaben auf ”Nein” entfielen. Seit Gründung der
EG war es gängige Auffassung in der Linken (bis weit hinein in die
Sozialdemokratie) gewesen, dass die EG ein reaktionäres Unterfangen
sei. Die EG wurde als ”3 K-Club” (für ”Katolikker, Kristdemokrater,
Kapitalister”) gebrandmarkt. Diese Kräfte seien ungeeignete
Kooperationspartner für ein Land wie Dänemark, dass sich lieber an
seine nordischen Brüder halten solle, die sich nach dem gleichen
Volksherrschafts- und Wohlfahrtsmodell hielten. 1972 war dieses Bild
immer noch präsent, obwohl die Argumentation nur noch schwerlich
aufrecht zu erhalten war. Teils, weil wieder einmal der Versuch
einer nordischen Zusammenarbeit (hier die Wirtschaftszusammenarbeit
NORDEK) in einem Fiasko geendet war und teils, weil in der
Bundesrepublik mittlerweile die Sozialdemokraten mit Willy Brandt an
der Spitze regierten.
Dieser ideologisch inspirierte Widerstand wurde zu einem gewissen
Umfang durch die historischen Erfahrungen und der eigenen Identität
unterstützt. In Dänemark werden Einschränkungen der Souveränität
überwiegend als Bedrohung des dänischen Einflusses, der dänischen
Werte und der dänischen Kultur und Identität empfunden. Selbst in
den Reihen jener, die 1972 mit ”Ja” gestimmt hatten – und folglich
auch der Politiker, die sich für eine EG-Mitgliedschaft eingesetzt
hatten – war nur selten etwas von einer großen Begeisterung für die
EG als politische Idee zu spüren. Die EG war ein Club für die Großen,
und als Däne weiß man, ”dass auf dem Boden zu bleiben, dass dient
uns am besten.”
Lehren aus der Geschichte
Die ideologisch und politisch bedingte Skepsis gegenüber einer
fortschreitenden Integration – und nicht zuletzt die Angst vor dem
damit verbundenen Souveränitätsverlust – ist bis heute in der
dänischen Bevölkerung präsent. Dies ist vielleicht nicht so
verwunderlich, nachdem der Integrationsprozess mit der Umbildung zur
Europäischen Union zu Beginn der neunziger Jahre einen stärker
bindenden Charakter und klarere politische Züge angenommen hat. Die
EU fordert auf vielen Bereichen die traditionellen Befugnisse des
Nationalstaates heraus. Und in Dänemark ist es seit jeher schwierig,
die Erkenntnis an den Mann zu bringen, dass kleine Staaten in der
Tat an Einfluss gewinnen, indem sie enger mit den anderen
europäischen Staaten zusammenarbeiten. In Dänemark spricht man
häufig von der Bedrohung, die darin gesehen wird, dass Dänemark als
kleines Land von der großen EU bevormundet werde; ein Argument, dass
zuletzt durch den sogenannten Österreich-Boykott von 2000 genährt
wurde.
Auf der anderen Seite sind es längst nicht mehr ”Katholiken,
Christdemokraten und Kapitalisten”, in der sich die Skepsis der
Dänen personifiziert. Auch die anti-deutschen Tendenzen, die früher
eine wichtige Rolle in den Reihen der EG/EU-Gegner gespielt haben,
sind weitestgehend verschwunden. Heute sind es die Bürokraten in
Brüssel und das EU-System an sich, die im Zentrum der Kritik stehen.
Das EU-System wird zur Last gelegt, es sei untransparent,
undemokratisch und zu weit weg von den Bedürfnissen der Bürgerinnen
und Bürger. Gleichzeitig nähren Korruptionsfälle und das lukrative
Gehaltsgefüge mit einer milde gesagt zurückhaltenden Besteuerung die
Anschuldigungen, dass die EU-Beamten gierig, inkompetent und korrupt
seien. Diese Veränderung in der Kritik hat auch mit sich geführt,
dass der EU-Widerstand in den vergangenen Jahren in den Reihen der
Links-Parteien und der Sozialdemokratie zurückgegangen ist, während
die Skepsis in den bürgerlichen Parteien – auch in den Reihen der
traditionell integrationsfreundlichen liberalen und konservativen
Parteien – zunimmt.
Die jüngste Entwicklung ist allerdings keine besondere dänische. Man
findet sie in den meisten westeuropäischen Staaten. Und in
Wirklichkeit kann man sich fragen, ob Dänemark wirklich so anders
und mehr EU-skeptisch ist als die anderen Europäer. Es stimmt zwar,
dass Dänemark vier besondere Vorbehalte ausgehandelt hat, nämlich
die Ausnahme von der dritten Phase der Wirtschafts- und
Währungsunion, von der Verteidigungszusammenarbeit, von der
Zusammenarbeit auf der Rechtsebene und von der
Unionsstaatsbürgerschaft, doch in der Praxis sind es eine Reihe
anderer Länder, die ähnliche Vorbehalte formuliert haben. So nehmen
zum Beispiel Großbritannien und Schweden ebenfalls nicht am Euro
teil.
Man sollte sich daran erinnern, dass vier der sechs
Volksabstimmungen, die zwischen 1972 und 2000 über Fragen der
dänischen EG/EU-Mitgliedschaft abgehalten worden sind, mit einem
”Ja” zugunsten einer weiteren Integration ausgegangen sind.
Lediglich die Maastricht-Abstimmung von 1992 und die Abstimmung zur
Währungsunion im Jahre 2000 endeten mit einer Ablehnung. Aktuelle
Meinungsumfragen zeigen derweil, dass bei einer neuerlichen
Abstimmung über die Vorbehalte bezüglich der Wirtschafts- und
Währungsunion und der Verteidigungszusammenarbeit diese zum Fallen
gebracht würden. Wenn es darauf ankommt, sind die Dänen in erster
Linie Pragmatiker. Auch wenn sie häufig zögerlich sind, sagen sie in
aller Regel nicht Nein zu einem guten Handel.
Ein ”Nein” bei Volksabstimmungen über die EU ist zudem längst nicht
mehr eine dänische Spezialität. Im vergangenen Jahr stimmten die
Iren gegen das Traktat von Nizza und damit gegen die EU-Erweiterung.
Und wie viele Deutsche hätten für die Wirtschafts- und Währungsunion
gestimmt, wenn sie in einer Volksabstimmung befragt worden wären? Es
gibt verschiedene Indizien, die darauf hinweisen, dass es mehr die
Vorliebe für Volksabstimmungen als eine besonders verbreitete
EU-Skepsis ist, die Dänemark zu einem etwas unbequemeren Mitglied
der EU-Familie gemacht hat. Allein das ist Grund genug zum
Nachdenken.
Prof. Torsten Borring Olesen ist Jean
Monnet-Professor am Historischen Institut der Universität Aarhus.
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