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BERTEL HAARDER
FLÜCHTLINGE IN DER EU: EUROPA BRAUCHT GEMEINSAME
MASSSTÄBE
Millionen von Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Katastrophen
und instabilen Verhältnissen in ihren Heimatländern. Weitere
Millionen befinden sich in der Flucht vor ihrem eigenen Land. Die
Zahl der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag
leben, beläuft sich auf 307 Millionen. Dieser Welt gehören auch wir
friedlichen und reichen Länder an. Es ist eine der großen Aufgaben
der EU-Gemeinschaft, auf der Flucht befindlichen und von Armut
betroffenen Menschen zu helfen. Es versteht sich von selbst, dass
die Lösung nicht darin bestehen kann, diese Millionen von Menschen
nach Europa ziehen zu lassen. Es wird mit Hochdruck an einer
gemeinsamen EU-Asylpolitik gearbeitet, die sich auf die Genfer
Konvention und die anderen internationalen Konventionen berufen soll.
Gleichzeitig werden Regeln festgelegt, welche die Rechte für die
vielen Nicht-EU-Bürger sichern sollen, die sich legal in den
Mitgliedsländern aufhalten. Die Einwanderung in die EU muss auf
einer kontrollierten Art und Weise ablaufen. Wir müssen wissen, wer
in das EU-Gebiet einreist, und die EU-Länder müssen festlegen, wem
es erlaubt sein soll, einzureisen.
Wenn die Bekämpfung der illegalen Einwanderung auf die Tagesordnung
der EU gerückt ist, dann ist das darauf zurückzuführen, dass der
Druck auf die Grenzen deutlich zugenommen hat. Man denke nur an die
fürchterlichen Beispiele von Kühlwagen, die mit toten Immigranten
gefüllt sind. Oder an die maroden Schiffe und Boote, die an die
italienische und spanische Küste gelangen. Man darf nicht vergessen,
dass jede Person an Bord dieser Schiffe hohe Preise an zynische
Hintermänner gezahlt hat, um unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens
in die EU zu gelangen. Ich glaube, dass alle Menschen ein tiefes
Mitgefühl für die Menschen an Bord dieser Schiffe empfinden. Es ist
ein hoher Preis, den sie zu zahlen bereit sind. Wir aber wollen und
können um keinen Preis dieses Ausnutzen fremder Not akzeptieren. Und
wir können ebenso wenig akzeptieren, dass die Einreise in die EU
illegal vor sich geht. Die ersten politischen Richtlinien für eine
gemeinsame Flüchtlingspolitik sind vor drei Jahren in Finnland
festgelegt worden. In Sevilla trafen die EU-Regierungschefs weitere
Beschlüsse. Der Ministerrat für rechtliche und innere
Angelegenheiten wird sich nun unter meinem Vorsitz dafür einsetzen,
dass diese Beschlüsse so schnell wie möglich umgesetzt werden.
Es gibt Vorschläge für eine engere Zusammenarbeit bei den
Grenzkontrollen. Dänemark ist kein Anhänger von der Idee gemeinsamer
Grenzpatrouillen. Spanische Grenzpolizisten sollen nicht die
finnische Grenze bewachen; aber wir können uns auf gemeinsame Regeln,
Inspektionen, Techniken und größere Überwachungsaufgaben einigen.
Die dänische Ratspräsidentschaft hat im Juli ein Treffen der
Befehlshaber der europäischen Grenzschutzeinheiten veranstaltet, um
die Zusammenarbeit in die Wege zu leiten.
Ein weiterer Vorschlag zielt auf den verstärkten Austausch von
Informationen über illegale Einwanderung ab. Hier gilt es, die
Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitern im Migrationsbereich, die
von den Mitgliedsländern in jene Ländern, aus denen die Flüchtlinge
kommen, geschickt worden sind, zu vertiefen. Wir müssen die Routen
der Menschenschmuggler schließen und den Flüchtlingen vor Ort helfen.
Der dritte, am heftigsten diskutierte Vorschlag betrifft den
Abschluss von Verträgen mit Drittländern über die Rückübernahme
abgewiesener Asylsuchender und illegal eingereister Personen. Ich
habe erst kürzlich einen Rückübernahmeabkommen mit Jugoslawien
(Serbien und Montenegro) unterzeichnet. Der Vertrag sichert, dass
die mehr als 700 abgewiesenen Jugoslawen in den dänischen
Asylaufnahmelagern heimkehren werden. Es ist die Absicht, solche
Verträge auch mit anderen Ländern zu unterzeichnen. Der Abschluss
solcher Rückübernahmeabkommen sollte ein selbstverständlicher
Bestandteil in den Finanzhilfe- und Handels-Absprachen der EU und
der ihrer Mitgliedsländer mit anderen Staaten sein. Es muss
Konsequenzen haben, wenn man nicht zur Zusammenarbeit bereit ist.
Wenn wir ihnen helfen sollen, sollen sie auch uns helfen, wenn sie
dies auf irgendeine Weise tun können. Dänemark wird einen Teil der
Entwicklungshilfe zurückfahren, um zum Beispiel die Repatriierung
der zahlreichen afghanischen Asylsuchenden zu ermöglichen. Diese
Menschen werden abgewiesen, weil Afghanistan ein Land in Frieden
geworden ist.
Der vierte Vorschlag, den ich nennen möchte, betrifft eine
gemeinsame Visumsdatenbank (System für den Austausch von Visadaten).
Jedes mal, wenn eine Person ein Visum für ein EU-Land beantragt,
soll dies registriert werden. Es soll dabei die Möglichkeit bestehen,
bei den Behörden der anderen Mitgliedsländer Angaben über die Person
einzuholen. Der letztgenannte Vorschlag wird unter anderem damit
begründet, dass viele illegale Einwanderer in der EU auf ganz legale
Weise eingereist sind. Sie tauchen bloß unter, sobald ihr Visum
ausgelaufen ist.
Dänemarks rechtlicher Vorbehalt betrifft gerade die Fragen des Asyls
und der Einwanderung. Deshalb nehmen wir nicht an Beschlüssen auf
diesem Gebiet teil, und wir sind an diese Beschlüsse auch nicht
gebunden. Der Vorbehalt gilt im übrigen für die Regelungen im
gesamten Ausländerbereich in der EU – also auch die Regelungen
betreffend illegale Einwanderung, Visum und Grenzkontrollen. Als
Schengen-Land haben wir die Möglichkeit, uns dafür zu entscheiden,
die sogenannte zwischenstaatliche Grundlage der Schengen-Regelungen
für Visum und Grenzkontrollen zu implementieren. Im Asylbereich sind
bereits Regelungen beschlossen worden, die den vorübergehenden
Schutz vetriebener Personen vorsehen, zum Beispiel in Verbindung mit
Massenzustrom – wie es in den neunziger Jahren der Fall gewesen ist,
als zehntausende von Ex-Jugoslawen nach Dänemark kamen; die meisten
sind mittlerweile heimgekehrt.
Es ist ferner ein Flüchtlingsfond eingerichtet worden, der
Finanzbeihilfen für die Projekte der Mitgliedsländer leistet.
Wir werden während der dänischen Ratspräsidentschaft daran arbeiten,
eine gemeinsame Definition für den Flüchtlingsbegriff und gemeinsame
Prozeduren für die Behandlung von Asylfällen zu finden. Bis heute
gibt es große Unterschiede darin, wie Asylanträge in den einzelnen
Ländern behandelt und beschieden werden. Einigen Nationalitäten
fällt es schwer, in bestimmten Ländern Aufnahme zu finden – anderen
fällt es wiederum leicht, in anderen Ländern aufgenommen zu werden.
Um dem Asylbegriff den nötigen Respekt zu verschaffen, muss die EU
gemeinsame Regelungen entwickeln. Die Menschenschmuggler verstehen
zu viel von ihrem Handwerk, als dass man sie einfach walten lassen
könne. Ich kann in dieser Verbindung unterstreichen, dass die neuen
dänischen Regelungen im Großen und Ganzen mit dem Entwurf der
EU-Kommission übereinstimmen.
Die dänische Ratspräsidentschaft wird den Dialog mit der UNHCR, dem
Flüchtlingskommissariat der UNO, fortsetzen. Der Hohe Kommissar ist
im September zu einem Treffen mit den für Asylfragen zuständigen
EU-Ministern eingeladen worden.
Während wir an den neuen Vorschlägen arbeiten, müssen die bereits
getroffenen Beschlüsse überprüft und verbessert werden. Dies
betrifft zum Beispiel jene Beschlüsse, denen zufolge Asylsuchende
ihren Asylantrag in dem EU-Land beantragen müssen, in das sie zuerst
kommen.
Verbesserungen findet man unter anderem im
Eurodac-Fingerabdruckssystem, das ab Anfang 2003 umgesetzt werden
soll. Eurodac soll sichern, dass Asylsuchende nur in einem EU-Land
einen Antrag stellen. Bis heute versuchen viele Asylsuchende, in
mehreren Ländern gleichzeitig Anträge zu stellen. Diese Form des
Asyl-Shoppings belastet die Systeme – auf Kosten der Verfolgten, die
länger auf ihre Bescheide warten müssen.
Während der Ratspräsidentschaft werde ich außerdem meine Bemühungen
auf die Integration neuer EU-Bürger richten. Es werden keine
gemeinsamen Integrationsregeln in der EU benötigt, da die Maßnahmen
in erster Linie an die spezifische Situation im einzelnen Land
angepasst werden sollte. Die Länder können aber natürlich davon
profitieren, ihre Erfahrungen miteinander auszutauschen. Unter den
Einwanderern in vielen der EU-Länder herrscht eine
überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit. Nicht zuletzt in Dänemark,
wo 60% aller Ausländer aus armen Ländern im Alter zwischen 16 und 66
Jahren arbeitslos sind oder sich außerhalb des aktiven
Arbeitsmarktes aufhalten. Sie werden zu einer Bürde und nicht zu den
Aktiva, die sie sein könnten. Wir schulden den Ausländern in
Dänemark und der EU, ihnen die Chance zu geben, zu zeigen, was sie
können. Das schulden wir nicht nur ihnen, sondern auch uns selbst.
Bertel Haarder
ist dänischer Minister für Flüchtlinge, Einwanderer und Integration
sowie Minister für europäische Angelegenheiten.
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